Zum Liederabend am 16. Februar 1992 in Stuttgart


    

     Stuttgarter Nachrichten,  18. Februar 1992     

Wohlklingende Wehmut

Dietrich Fischer-Dieskau im Stuttgarter Großen Haus

     

Kein Freund umfassender Eigeninszenierung, bewegt Dietrich Fischer-Dieskau energisch kurz die Unterarme in Richtung seines Klavierbegleiters Hartmut Höll. Der weiß, was er zu tun hat, damit Franz Schuberts Zyklus nach Gedichten Wilhelm Müllers "Die schöne Müllerin" zum Erlebnis wird.

Da ist einmal die Dramaturgie, die Lied auf Lied in ausgefeilter Weise folgen läßt, die stellenweise keine Pausen zwischen den einzelnen Müller-Gedichten erlaubt, so geschehen bei "Mit dem grünen Lautenbande", "Der Jäger" und "Eifersucht und Stolz". Damit bekommt dieser Dreierverbund noch mehr Tiefgang und Hintersinn, als Fischer-Dieskaus textumschmeichelnde Einzelliedwiedergab es ohnehin schon garantiert. Sänger und Pianist entlassen den Zuhörer nicht in wohliges Durchatmen, wenn die Kadenz das Liedende signalisiert, was aber nicht heißt, daß beide in unruhiger Hatz hinter der schönen Müllerin her sind. Die knappen Zäsuren zwischen den einzelnen Liedern sind Teil eines künstlerischen Gesamtkonzepts, nach dem sich die schön gesungene Phrase mit trostlosen Texten verträgt, wobei die selbstverständliche Verfügbarkeit aller stimmlichen Mittel Fischer-Dieskaus nicht eigens betont zu werden braucht.

Aufgehoben ist die Dichotomie zwischen Wort und Ton, die Frage nach deren Primat stellt sich hier nicht. Fischer-Dieskaus Interpretation holt sich aus beiden Bereichen das, was ihr zur stimmigen Darstellung des Inhalts taugt. Dabei entsteht immer dann, wenn etwas über Wort und Ton Hinausgehendes mitschwingt, eine Art von Synthese, was in der Form eigentlich nur Fischer-Dieskau gelingt. Weit weg von der üblichen Behandlung ins Ohr springender Gipfelwörter erlaubt sich Fischer-Dieskau mal ein Pianissimo dort, wo ansonsten Crescendo oder Fortissimo fraglos hingenommen und tradiert werden. Die ganz und gar wort- und tongezeugte Liedinterpretation verträgt wenig gestische Unterstütrzung. Läßt der Sänger die Arme kurzzeitig sinken, suchen sich die Finger vor dem Kinn oder stützt sich Fischer-Dieskau vorsichtig auf den Deckel des Flügels. Das alles unterstreicht die Intensität, mit der Fischer-Dieskau noch immer nach neuen Interpretationsmöglichkeiten der Lieder Schuberts sucht und diese auch finden.

Jürgen Leukel

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