Zum Konzert am 16. Oktober 1990 in Frankfurt

    

     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Oktober 1990     

    

Der Tod ist groß

Bernstein-Gedenkkonzert in Frankfurt

     

"Unsterblichkeit ist doch der Lohn ... für des Gesanges süßen Ton. Denn unvergänglich ist der Geist." Diese Verse des deutsch-russischen Dichters Wilhelm Karlowitsch Küchelbecher aus dem Umkreis Puschkins, aber auch Rilkes "Der Tod ist groß" könnten auf Leonard Bernsteins Grabstein stehen. Jedenfalls paßt in ein Gedenkkonzert für den amerikanischen Kosmopoliten russischer Herkunft kaum ein Werk besser als Schostakowitschs vierzehnte Symphonie, in der der Komponist die Verse Küchelbechers und Rilkes vertont, außerdem Gedichte Federico Garcia Lorcas und Guillaume Apollinaires. Dies um so mehr, als Bernstein dieses atheistische Requiem mit seinem Freund Dietrich Fischer-Dieskau und, unabhängig davon, mit seinem Assistenten David Shallon, beide Protagonisten des Frankfurter Erinnerungsabends, erarbeitet hatte.

Die großartige, Betroffenheit auslösende Wiedergabe in der Alten Oper war des Anlasses würdig. Fischer-Dieskau erfaßte seinen Part vom Sprachgestus her, den er in seinen Facetten von Aufruhr, Vergeistigung und Verzweiflung packend erschloß. Wahrheit des Ausdrucks war hier werkgemäß entscheidender als Schönheit der Stimme; dennoch gewann das Kahle, Fahle und Rauhe der Gesänge überzeugend Farbe und Wucht. Julia Varady stand demgegenüber für die Glut (Malaguena), Verführungsgewalt (Loreley) und das Verzweiflungslachen (Auf Wacht II) im Melos ein, auch dies eine grandiose Leistung. Die Deutsche Kammerphilharmonie, ohne Taktstock mit sensibel modellierenden Händen von Shallon geleitet, ließ die unerbittliche Härte, aber auch die gleisnerische Süße des Todes körperlich spürbar werden. Xylophongeklöppel und Tomtom-Marsch des grausig-lapidaren Klangbilds vom Tod im Schützengraben (Auf Wacht I) ließen an Adornos Bemerkung denken: "Verblichene Knochen machen die bunteste Musik."

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Ellen Kohlhaas

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