Zum Liederabend am 20. September 1990 in Berlin

    

     Der Tagesspiegel, Berlin, 22. September 1990     

    

Das abgebrochene Konzert

Dietrich Fischer-Dieskau und Vladimir Ashkenazy

     

Der Abend ist nun allein von seinem vorzeitigen Ende her zu sehen und versuchweise anzudeuten, was bis dahin gelang. Wie gemeldet, mußte Dietrich Fischer-Dieskau sein Konzert mit Vladimir Ashkenazy in der – ausverkauften – Deutschen Oper abbrechen, weil ein Schwächeanfall ihn dazu zwang. Der Sänger selbst teilte dem Publikum dies mit, nachdem in dem Schumann-Zyklus "Dichterliebe" mit dem achten Lied die Hälfte erreicht war.

Daß die Pause etwas länger gedauert hatte als gewöhnlich, war zu dem Zeitpunkt eigentlich schon vergessen. Denn die Interpretationen beanspruchten volles Interesse. Wenige Tage nach ihrem gemeinsamen Konzert mit dem Radio-Symphonie-Orchester trafen dessen Chefdirigent Ashkenazy und Dietrich Fischer-Dieskau erneut auf der Bühne zusammen, nach dem Großprojekt der "Béatitudes" von César Franck jetzt in dem musikalisch intimen Rahmen eines Liederabends. Es war ein Programm, das der Sänger in derselben Form schon einmal vor einigen Jahren gewählt hatte: Heine-Lieder von Robert Schumann, die Zyklen Opus 24 und Opus 48 mit drei vorangestellten Liedern.

Von neuem Reiz war die Begegnung mit dem Pianisten: Ashkenazy ist kein routinierter Liedbegleiter, sondern ein Poet am Klavier, der die Nuance will. So hatte der Abend durchaus etwas Experimentelles darin, wie die beiden Künstler zusammenfanden. Das betraf den Pulsschlag der Musik wie die Dynamik, ein Musizieren des besonderen Augenblicks, zum Beispiel als Ashkenazy die Klaviertriolen der Gesangslinie "Nun liegen sie stumm und totengleich" anschmiegte im letzten Lied von Opus 24, überhaupt dessen Spannung in den Regionen des Leisen.

In den wenigen Takten Vorspiel zum ersten Lied der "Dichterliebe" zauberte der Pianist eben jene Aura von Vergangenheitsglück herbei, die der Sänger den Worten "Im wunderschönen Monat Mai" gibt. Sensible Übereinstimmung auch im Betonungsritardando des Liedes "Wenn ich in deine Augen seh". Fischer-Dieskau sang seinen Schumann mit Kantabilität und Kontrolle, gerade auch das schwere Lied "Ich grolle nicht", bis er sich zum Aufhören entschloß.

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Auf Anraten seines Arztes hat Fischer-Dieskau den mit Hartmut Höll geplanten Liederabend am 24. September in der Deutschen Oper abgesagt.

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S. M.

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