Zum Konzert am 19. März 1989 in München


Süddeutsche Zeitung, 21. März 1989

Parsifal konzertant - ein Ereignis

Jubel für Barenboim und seine Weltklasse-Solisten im Münchner Herkulessaal

Während dieser tief beeindruckenden, konzertanten "Parsifal"-Darbietung im Münchner Herkulessaal (sie wird am 23. und 26.3. wiederholt) gelangen dem Dirigenten Daniel Barenboim und seinen von keinen Inszenierungsmühen beschwerten Sängern einige ungemein starke, förmlich "erleuchtete" Momente. Aus Kundrys Erinnerung daran, wie sie einst den Heiland verspottete - "da traf mich sein Blick" -, wurde ein geisterbleiches, verfremdet trauermarschartiges, symphonisches Adagiowunder. Wenn die Gralsritter hin und her wandeln, nimmt man am Ende des ersten Aktes meist kaum wahr, wie wunderbar (und von Unterbrechungen versehrt) das Gralsglockenmotiv zerfällt ... Barenboim brachte im dritten Akt die versteckte Vielstimmigkeit heraus, als hätten wir es mit einer - nur eben diskreteren - "Meistersinger"-Polyphonie zu tun. Und die Karfreitagsaue klang endlich einmal nicht süßlich, weil Barenboim sie ganztaktik, fließend vielstimmig begriff, weil Natur da blühend lebte, statt nur feierliches Symbol zu sein.

Also: ein Parsifal-Dirigent von Rang. Seien wir den schwerhörigen Franzosen herzlich dankbar dafür, daß sie diesem großen Wagner-Interpreten Paris samt Bastille-Oper gründlich verleideten. Jetzt hat er mehr Zeit, braucht keinen Opernalltag zu verwalten, kann er gar nicht oft genug in München dirigieren...

Eine "konzertante" Aufführung birgt natürlich auch Probleme. Was auf der Bühne handelnde Personen so im Parlando vorbringen (wo es auf Tongenauigkeit nicht immer allzusehr ankommt), das muß nun "stimmen" wie im Oratorium. Kurt Moll, der Gurnemanz, brauchte eine gewisse Anlaufzeit, um sich an die veränderten Bedingungen zu gewöhnen. Weil kein Bühnenbild, keine fromme Aura den Künstler weihefestspielhaft trug, spürte man im ersten Akt gelegentlich (unwesentliche) Undeutlichkeiten und darüber hinaus, wie nah des Gurnemanz herzliche Derbheit der Bonhomie des Hans Sachs steht. Im Schlußakt überzeugte der treffliche Kurt Moll dann wie immer.

"Überzeugen" wäre im Hinblick auf die Leistung von Waltraud Meier gar kein Ausdruck. Sie überwältigte. Und zwar nicht, weil sie jenen hochdramatischen Schrei, jenen Furor einsetzen kann, der einst die Kundry von Martha Mödl unvergeßlich machte, sondern weil sie mit wunderbar biegsam und rein geführter, dramatischer Stimmkunst ebenso die lodernde Leidenschaft wie die brütende Schicksalsapathie dieser aufregendsten aller Wagnerschen Frauenfiguren gestaltete. Ich wüßte nicht, wer Frau Meier in ihren besten Wagner-Partien gegenwärtig auf der Welt übertrifft.

Dietrich Fischer-Dieskau sang einen rückhaltlos expressiven Amfortas. In dieser von ihm ja schon seit Jahrzehnten beherrschten Rolle vollkommen sicher (und fern jeder "Stimmkrise"). Mit hellem Timbre und kluger Diktion imponierte Robert Schunk als Parsifal. Er sollte sich hüten, Spitzentöne immer sehr viel stärker herauszubringen als die ja auch wichtigen Linien der Mittellage. Da Wagner im zweiten Akt Parsifals Welthellsichtigkeit pointiert psychologisch ableitet - sozusagen von einer Selbstfindungsreflexion zur anderen -, konnte es Schunk nicht leicht fallen, fürs szenische Erschrecken rein musikalische Äquivalente zu finden. Stark und schneidend-aggressiv: Hans Günter Nöcker als Klingsor.

Barenboim, das sei hinzugefügt, dirigierte den "Parsifal" nicht zu lyrisch-leise, sondern manchmal eher zu laut! Es ist gewiß von hohem Reiz, das Parsifal-Orchester im Herkulessaal nicht als "gedecktes" und dadurch doch distanziertes Orchester zu hören (wie in Bayreuth), sondern der bei aller Spätstilreduktion doch staunenswerten Stimmvielfalt und Farbenfülle dieser Partitur ganz direkt zu begegnen. So war wohl auch nicht Barenboims Fortissimo zu stark (das kann gar nicht wild, glühend, "sehrend" genug herauskommen), sondern manchmal sein mittleres Forte - auch beim Begleiten der guten, aber nicht hinreichend grandiosen Gralschöre. Übrigens nahm Barenboim die Blumenmädchenszene so schnell und wirbelig, als hätte er nicht ein Alterswerk, sondern des "Tannhäuser" Venusberg-Bacchanale zu dirigieren. Dem Reiz der Damen bekam das bestens.

Es ist unmöglich, nach einer Begegnung mit dieser überwältigend langsamen und tiefsinnigen Partitur nicht in Sinnen und Spekulieren zu verfallen. Wie geniere ich mich, als junger Intellektueller über Gurnemanz und die Seinen ein Spottstück geschrieben zu haben - ich ahnte ja nicht, daß man dem "Parsifal" überhaupt nur gewachsen sein kann, wenn man in jedem szenischen Moment, der hier eben wirklich nicht alles ist, sowohl die Vergangenheit wie die Zukunft hinzuzufügen vermag. Nicht nur Kundry besteht zugleich aus Gegenwart und Weltgeschichte, Fluch und tätiger Reue, auch der Parsifal selber wird zum Amfortas (wenn er dessen einstiges Verführtwerden imaginiert). Sich selber findet Parsifal beim Erwachen des Eros - das hier tiefsinnigerweise nicht nur ein Begehren des "Du" bedeutet, sondern vielmehr Mitgefühl fürs Du. (Und so weiter.) Über den Unfug, aus alledem "Antisemitismus" herauszulesen, war im Herkulessaal nicht nur Daniel Barenboim hinaus. Auch das Publikum, das dem Dirigenten, den Sängern, dem Chor und dem Orchester der Bayerischen Staatsoper nach kurzen Benommenheitspausen ovationshaft zujubelte, spürte, wie dankbar wir sein müssen, moderne Kunstwerke solchen Ranges zu besitzen und sie derart kompetent dargeboten hören zu dürfen. (Übrigens: Im Hinblick auf die Fülle des zu Erlebenden und zu Verarbeitenden waren leider die Pausen viel zu kurz. Das sollte geändert werden.)

Joachim Kaiser


  

     tz, München, ?? März 1989     

Mit Feuer und Atem

Herkulessaal: Daniel Barenboim dirigierte den "Parsifal"

 

Die Franzosen müßten sich eigentlich die Haare raufen. Einen Mann wie Daniel Barenboim sang- und klanglos ziehen zu lassen - wer kann sich das leisten? Der Freiraum, der dem Bayreuther "Ring"-Dirigenten nach seiner Pariser Vertragslösung zur Verfügung steht, machte nun auch München zum Nutznießer.

Für den erkrankten Wolfgang Sawallisch eingesprungen, eroberte sich Barenboim mit einem fulminanten Parsifal-Dirigat die hiesigen Opernfreunde im Sturm.

Der Sensationserfolg kam nicht von ungefähr. Barenboim ist bekanntlich ein Vollblutmusiker, hat seinen Wagner an der Quelle studiert und scheint an ihm mehr und mehr zu wachsen. Der konzertante "Parsifal" im Herkulessaal, den das ausgehungerte Opernpublikum wie eine Festung berannte, hatte unter seiner Leitung genau die Mischung aus Oper und "Weihespiel", die ihm zusteht. Barenboim weiß großräumig zu disponieren, hat den ruhigen Atem für totales Ausmusizieren und zugleich das Feuer für ekstatische Steigerungen. Seine Tempi überzeugen - trotz oder gerade wegen ihrer sehr persönlich gefärbten Anwendung. Es gab Stellen von überirdischer Schönheit. Und das alles mit kaum ausreichenden Proben.

Natürlich kennt das Staatsorchester seinen Parsifal. Der Platz auf dem Podium veranlaßte es zudem zu sorgfältigster Feinarbeit. Feinstarbeit leisteten aber auch die aufgebotenen Sänger. Waltraud Meier ist zur Zeit wohl die interessanteste Kundry überhaupt, Kurt Moll der klangedelste Gurnemanz aller Zeiten. Dietrich Fischer-Dieskau verbreitete mit seinem verzehrend intensiven Amfortas volltheatralische Bühnenatmosphäre, und der glänzend disponierte Robert Schunk war als Titelrollenträger voll präsent. Sie alle - einschließlich Hans Günter Nöckers Klingsor, Karl Helm, das Blumenmädchen-, Knappen- und Gralsritterensemble - ermöglichten eine Aufführung, die vergessen ließ, daß Wagner ohne Szene eigentlich ein Sakrileg ist. Lediglich bei den Gralsszenen (vor allem beim "Wandlungs-Ritual" des ersten Aktes) vermißte man - hier allerdings schmerzlich - die Bühne.

An sich ist es verpönt, nach Parsifal zu applaudieren. Im Herkulessaal wehte nach dem Schlußakkord ein wahrer Beifallsorkan die Mitwirkenden fast vom Podium. Wer will es dem Publikum verübeln? Es hatte ja - wenn auch nur konzertant - wahrhaft große Oper erlebt.

E. Lindermeier


     

     Abendzeitung, München, ?? März 1989     

Leidenschaft und Glut

Herkulessaal: Daniel Barenboim dirigierte "Parsifal"

 

Für den erkrankten Wolfgang Sawallisch übernahm Daniel Barenboim die Leitung der konzertanten Aufführung von Wagners "Parsifal" und errang mit dem Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper einen triumphalen Erfolg (Herkulessaal).

Die Notlage der konzertanten Aufführung von Wagners "Parsifal" wurde unter Daniel Barenboim zu einer überzeugenden Alternativlösung. Ohne die zuweilen peinlich optischen Darstellungen des Grals oder der Fantastik von Klingsors Zaubergarten stand die Musik selbst unvermittelt im Zentrum der Aussage, sie allein mußte die magische Verquickung der spirituellen Haltung Titurels mit der Sinnlichkeit Klingsors deuten. Barenboim nutzte die Chance der musikalischen Vormachtstellung und dirigierte einen leidenschaftlichen, glutvollen und spannungsreichen "Parsifal", wie er hier schon lange nicht mehr zu hören war.

Trotz ausladend breiter Tempi im ersten Akt verharrte er nicht in mystischer Erstarrung und ließ das erhabene Pathos in seiner ganzen Gewalt ausmusizieren, ohne dabei je in platte Vordergründigkeit zu verfallen. Ein in seiner musikalischen Konsequenz und Logik faszinierender "Parsifal", der zudem mit einem hochrangigen Sängerensemble besetzt war. Noch immer Maßstab setzend als Amfortas: Dietrich Fischer-Dieskau, daneben die stimmgewaltige, sich in der Kundry verzehrende Waltraud Meier, Hans Günter Nöckers etwas flacher, aber bedrohlicher Klingsor, ein mit stimmlichem Wohlklang gesegneter Gurnemanz von Kurt Moll und schließlich Robert Schunk, der den Parsifal klug disponiert und mit schlanker, jugendlicher Stimme sang. Tosender Applaus für einen Ausnahme-"Parsifal".

R. Sieber

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