Zur Liedermatinee am 26. Februar 1989 in Düsseldorf


Rheinische Post, Düsseldorf, 27. Februar 1989 

Zehn Jahre Robert-Schumann-Gesellschaft

Feine Lichtreflexe, subtile Schattenwürfe

Ihr zehnjähriges Bestehen feiert gegenwärtig die Robert-Schumann-Gesellschaft. Die Düsseldorfer Musikfreunde haben ihr viel zu verdanken, nicht zuletzt auch die Tatsache, daß sie ihr Ehrenmitglied Dietrich Fischer-Dieskau bereits mehrfach für eine Liedmatinee gewinnen konnten. Noch beim vorjährigen Schumannfest hatte Fischer-Dieskau ausgewählte Lieder Schumanns gesungen. Jetzt bot er im wiederum ausverkauften Opernhaus zusammen mit seiner Frau, der Sopranistin Julia Varady, Romantische Duette.

Romantische Duette von Mendelssohn, Cornelius und Schumann? Da muß der Musikliebhaber schon sein Gedächtnis bemühen, ob er die jemals im Konzertsaal gehört hat; ja, das Eingeständnis ist wohl fällig, daß er nur einen Bruchteil der insgesamt 26 Stücke des Programms kannte.

Fischer-Dieskau, der rastlose Sucher, ist also wieder auf Entdeckungsreise gegangen. Und vielleicht spielte auch ein wenig die Einsicht mit, daß das neugewonnene Gebiet der späteren Reifephase seiner sängerischen Laufbahn besonders angemessen ist.

Die Romantiker hatten ihre Lied-Duette vornehmlich für den hausmusikalischen Gebrauch bestimmt. Unbedachtes Vorurteil würde sie womöglich unter der Rubrik befriedeter Bravheit und biedermeierlicher Behaglichkeit ablegen. Das ist weit gefehlt und unzutreffend, wie die von hohem Qualitätssinn bestimmte Auswahl der Matinee zeigte. Spätestens beim "Abendlied" und der "Wasserfahrt", beide auf Texte von Heine, wurde klar, welchen Ton drängender Expressivität Mendelssohn in seinen Duetten anschlagen konnte.

Die vier Stücke von Cornelius waren dann eine überrumpelnde Überraschung. Kaum jemand hätte wohl eine solch stürmische Dramatik ("Ich und Du"), eine solch hintergründige Skurrilität ("Der beste Liebesbrief") bei dem als harmlos eingestuften Cornelius für denkbar gehalten.

Darauf aber konnte der Besucher erleben, daß er mit Schumann doch noch ein anderes Reich betrat, eine Welt des geweiteten Horizonts, eine Seelenlandschaft der feineren Lichtreflexe und subtileren Schattenwürfe.

Es leuchtet ein, daß Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau bei diesen auch in die Dunkelschichten des Fühlens lotenden Gesängen sich künstlerisch ganz ausleben konnten. Sie taten es mit den reichen Mitteln ihres Könnens. Die ungemein sorgfältige, die Wortaura erfassende Deklamation und die stete Rückbindung an ein beseeltes Piano waren kennzeichnende Vorzüge ihrer Gestaltung. Man sollte die Schwierigkeit auch der Duette von Mendelssohn und Peter Cornelius nicht unterschätzen. Gerade weil sie oft strophisch gehalten sind und parallele Stimmführung in ihnen vorherrscht, ist genauestes Differenzieren gefordert. Wer Ohren hatte zu hören, der wurde gewahr, welche Vielfalt an dynamischer und stimmfarblicher Abtönung die Sopranistin und der Bariton in einem einzigen Lied versammelten.

Auf eine solch intime Palette war auch der Vortrag des Pianisten Hartmut Höll eingestimmt. Höll ist ja weit mehr als ein zuverlässiger Partner, er ist auch ein phantasievoller Poet. Das vielsagend-geheimnisvolle Nachspiel zu Schumanns "Familiengemälde" beispielsweise wird nachdrücklich in Erinnerung bleiben.

Es gab viel zu feiern und zu danken nach dieser Matinee. Für die Dieskaus war sie die erfolgreiche Premiere im duettierenden Liedgesang. Für die Schumann-Gesellschaft bedeutete sie eine hochwillkommene wirtschaftliche Förderung, weil der Reinerlös ihren Zielsetzungen und Forschungsarbeiten zufloß. Die überragende künstlerische Leistung wurde mit Riesenbeifall bedacht, der mit mehreren Zugaben belohnt wurde, darunter die ganz und gar verzaubernde Schumann-Vertonung "Wenn ich ein Vöglein wär".

Hans Hubert Schieffer


   

     Westdeutsche Zeitung, Düsseldorf, Datum unbekannt     

Anrührendes Paar

Fischer-Dieskau und Julia Varady im Duett

    

Eine musikalische Sternstunde voller Wohlklang, eine Welturaufführung: Ein Konzert mit Duetten der Romantik gab gestern in der Düsseldorfer Oper das Ehepaar Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau. Damit schenkte der Bariton, Gründungs- und Ehrenmitglied der Robert-Schumann-Gesellschaft, ihr zum zehnjährigen Bestehen eine künstlerische Preziose. Als zweite Station dieses Konzerts steht Paris auf dem Programm.

Die Konzertliteratur ist nicht eben reich an Vokal-Duetten. Sogar Schumann schuf nur 30 (gegenüber 260 Sololiedern), aus denen vier der bezauberndsten erklangen. Dagegen setzten die Duette von Felix Mendelssohn Bartholdy und Peter Cornelius durch ihre abweichende musikalische Empfindungswelt zwar Kontrapunkte, aber die romantische Grundhaltung ihrer mitunter volksliedhaft anmutenden Kompositionen spannten einen Bogen stimmiger Harmonie.

Die beiden Sänger mit dem unterschiedlichen, aber dennoch so deutlich aufeinander eingestellten stimmlichen Ausdruck hinterließen einen menschlich und musikalisch anrührenden Eindruck. Denn die auf Liebessehnsucht und romantische Landschaftsstimmungen ausgerichteten Lieder schienen ihnen aus dem Herzen zu sprechen, und sie zeigten das gelegentlich auch durch Blicke und Gesten. Die hohe Gesangskultur Dieskaus mit ihrem alle Gefühlslagen erfassenden variationsreichen Timbre wurde auf wundersame Weise ergänzt durch den etwas herben, aber immer wieder in herrlichem Strahlen erblühenden Sopran, der im Mezzo zu besonderer Wärme fand. Daß das Konzert fast zu einem Terzett gedieh, war dem kongenialen Pianisten Hartmut Höll zu verdanken. Großer Beifall und Zugaben.

Lis Schenk

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