Zum Liederabend am 20. September 1988 in Berlin


 

     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Oktober 1988     

Freundliches Entschweben

Konzerte der Berliner Festwochen

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Dietrich Fischer-Dieskau ist seit Jahrzehnten ein kundiger Anwalt des Schönbergschen Liedschaffens. Zusammen mit Aribert Reimann gab er im großen Sendesaal des SFB nun einen Liederabend, der sich ausschließlich Schönbergs großem Lied-Œuvre widmete. Fischer-Dieskau hatte, mit zwei Ausnahmen (die zwölftönigen Lieder "Sommermüd" und "Tot"), Lieder ausgewählt, die vornehmlich in Schönbergs kompositorischer Frühzeit entstanden waren. Und es zeigte sich, daß sie in der Tat von jenem "Anfangsklang", von jener ersten Textberührung her konsequent kompositorisch ausgearbeitet wurden. Das führt formal zu verblüffend ergiebigen Asymmetrien der Lied-Anlagen und insgesamt zu einer Ausdrucksfülle, die durch Fischer-Dieskaus Interpretationen überwältigend kongenial gestaltet wurde. Mag sein, daß Fischer-Dieskau gelegentlich die Intimität der Lieder allzu mächtig als Szene öffnete; seine sängerischen und deklamatorischen Mittel trafen dennoch den Nerv der Kompositionen, deren literarischer Horizont von Goethe, Keller, Dehmel bis zu Rilkes berühtem "Stundenbuch"-Text "Alle, welche dich suchen..." reichte und damit das gängige Vorurteil, Schönberg sei in seiner Textauswahl wenig wählerisch gewesen, nicht zu bestätigen vermochten.

Aribert Reimann, engagiert, hellwach in der pianistischen Ausdeutung seines Parts, wurde ebenso jubelnd gefeiert wie der große geistreiche Sänger.

Wolfgang Burde

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