Zum Konzert am 12. September 1988 in Berlin


    

     Berliner Morgenpost, 14. September 1988     

"Nachtlieder" von Siegfried Matthus am Kemperplatz uraufgeführt

Visionäre Mahnung durch Musik

     

Der Erfolg war groß. Die "Nachtlieder" für Bariton, Streichquartett und Harfe, der halbstündige, siebenteilige Zyklus des Ost-Berliners Siegfried Matthus, im Kammermusiksaal vom Brandis-Quartett, dem neuen philharmonischen Harfenisten Sebastian Lipman und Dietrich Fischer-Dieskau, dem Widmungsträger des Werkes, uraufgeführt, kamen beim Publikum auf Anhieb an.

Ob das auf Dauer gesehen ein Vorzug oder ein Nachteil ist, wird die Zeit erweisen. Was sofort zündete und wohl vorrangig den Erfolg des Werkes bestimmte, war die literarische Seite der musikalischen Angelegenheit. Matthus hat sich im Verein mit dem Sänger die erdenklichste Mühe gegeben, eine attraktive Auswahl an Gedichten und Gedanken zu treffen, die sich zu einem programmatisch hieb- und stichfesten Ganzen verbinden ließ. Der Zyklus schlägt denn auch den Bogen von der Weltennacht vor Schöpfungsbeginn zu der Nacht des selbstverschuldeten Weltendes, die visionsmächtig die Offenbarung Johannis beschwört. Man kann im Grunde gar nicht anders, als dieser prophetischen Mahnung zu applaudieren. Darauf vor allem wohl gründet sich Matthus’ Erfolg.

Musikalisch gibt sich der Zyklus eher zaghaft, alllerdings vom ersten bis zum letzten Takt kundig und geschmackvoll, was ja kein Nachteil ist, Matthus versteht sein Metier und verläßt sich darauf. Aber seine "Nachtlieder" in ihrer eindrucksvollen Konzeption fordern schärfere, auch verzweiflungsvollere Mittel als die gourmethaften, auf die sich das Brandis-Quartett und Lipman übrigens glänzend verstanden.

Vielleicht aber auch hätten des Abraham a Sancta Clara "Nachtmusikanten" in ihrer schunkelnden Volkstümlichkeit größeren Eindruck gemacht, wäre ihnen im Konzertprogramm nicht Schönbergs beinahe bis zur Erbitterung konzentrierte, sperrige Serenade op. 24 vorausgegangen mit ihren Ironien und ihrem introvertierten Mandolinen- und Gitarrengeklimper, das sich über das gefällige Genre der Serenaden erhebt wie Plancks Quantentheorie über das Einmaleins.

Statt dessen ließ Matthus musikalisch "Die Mitternachtsmaus" aus Christian Morgensterns poetischer Zucht possierlich durch seine "Nachtlieder" laufen. Fischer-Dieskau war ihnen der gestaltungsmächtige Interpret, Lipman erwies sich wie mit geölten Fingern als glänzender Harfenist, das Brandis-Quartett spielte vollkommen – und so war auch das beschließende B-Dur-Streichquartett op.67 von Johannes Brahms.

Zur Verstärkung hatte es für Schönbergs Serenade noch die Klarinettistin Sabine Meyer herangezogen, Reiner Wehle (Baßklarinette), Willi Rosenthal (Mandoline) und Juan Pastor (Gitarre). Fischer-Dieskau sang im 4. Satz das 217. Petrarca-Sonett. Bei der mörderischen Akustik des Saals in Block E blieb es so unverständlich, als sei es das 218. gewesen.

Klaus Geitel

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     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Oktober 1988     

Freundliches Entschweben

 Konzerte der Berliner Festwochen

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Zu den künstlerisch ergiebigsten Ereignissen der diesjährigen Berliner Festwochen gehörten die Auftritte Dietrich Fischer-Dieskaus. Er dominierte für Augenblicke, im Petrarca-Sonett der Schönberg-Serenade Op. 24, eine insgesamt vorzügliche Interpretation. Er verhalf einer eher bescheidenen Komposition von Siegfried Matthus, "Nachtlieder für Bariton, Streichquartett und Harfe", die sich unbescheiden teils hochkarätiger Nachtgesänge (Heine, Herder, Novalis, Texte der Bibel), teils in diesem Zusammenhang deplazierter Morgenstern-Texte (Die Mitternachtsmaus) bemächtigt hatte, und durch seine gestalterische Souveränität zu einem sensationell gefeierten Uraufführungserfolg. Matthus tendiert auch in dieser Fischer-Dieskau gewidmeten Komposition zu einer popular-holzgeschnittenen, in ihrem illustrierenden Gestus unermüdlichen Musik. Aber er erreicht in keinem Augenblick die charakterisierende Prägnanz, die kritische Raffinesse Dessauscher oder Eislerscher Kompositionen dieses Genres. Die Konzeption des Zyklus, Nachtgesänge heterogener Haltung und Provenienz enzyklopädisch zu reihen, ist freilich ohnehin problematisch.

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Wolfgang Burde

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