Zum Liederabend am 19. August 1988 in Luzern  


     Luzerner Neueste Nachrichten, 22. August 1988     

Internationale Musikfestwochen 1988: 
Liederabend I mit Dietrich Fischer-Dieskau

Gesungen, bis alles Gefühl erstarrt und erstorben

     

Im Liederabend I interpretierten Dietrich Fischer-Dieskau und Hartmut Höll den Liederzyklus "Die Winterreise" von Franz Schubert. Keine Zugaben. Erfreulicherweise gibt es dieses Jahr noch einen zweiten Liederabend, und zwar mit Jessye Norman.

Das war ein Festwochenapplaus der vornehmen Sorte: Nach einer geraumen Zeit absoluter Stille rief das Publikum die Interpreten immer und immer wieder aufs Podium. Aber es war kein fordernder Beifall, der eine Zugabe hätte erzwingen wollen. Und in der Tat liesse sich da kein "Kreis schliessen", die Wiederholung irgendeiner Nummer wäre sinnlose Duplizierung gewesen, die Bewegung war mit dem "Leiermann" zum Stillstand gekommen; sie mit was auch immer nochmals in Gang zu setzen, wäre absurde Sinnwidrigkeit. Da war schlicht nicht mehr zu singen und zu sagen. Schuberts "Winterreise" ist, man weiss es, einer der erstaunlichsten und schwierigsten Liederzyklen überhaupt. Sie ist das Psychogramm eines Weges ohne Ziel, aber auch ohne Ausweg, einer Flucht, die nirgendwohin führt. Und doch wird ein Ende erreicht: von Hoffnung, von Gefühl, von Leben überhaupt. Die Entwicklung verläuft indes nicht gradlinig, sondern in sich verengender Spirale, deren Verlauf durch widerborstige Ausschläge gleichsam "gestört" wird. Ausdrucksmässig steht schmerzliche Erinnerung neben bitter ironischem Aufbegehren, Schwermut erstarrt zur Resignation, zur schieren Verzweiflung. Nuancen, Schattierungen, Zwischenbereiche sind gefragt bei der Interpretation, die ganz von innen kommen muss, will sie nicht hoffnungslos "draussen" bleiben.

Im Sog einer fatalen Spirale

Dietrich Fischer-Dieskau betrieb die Einordnung der einzelnen Nummern ins zyklische Ganze mit verschiedensten Mitteln, besonders zwingend durch attacca-Anschlüsse respektive kurzes Absetzen. Der trügerischen "Schönheit" gewisser äusserst beliebter Lieder wie etwa "Gute Nacht". "Der Lindenbaum", "Die Post" entzog er die Verselbständigung in genüsslichem Verweilen und Auskosten, indem er die Ernüchterung, den unerbittlichen Fortgang unmittelbar folgen liess. Hartmut Höll, mit dem Fischer-Dieskau immer wieder gerne zusammenarbeitet, steuerte, offensichtlich mit grossem Bedacht, ein weiteres zyklisches "Bindemittel" bei, indem er Störsignale im Klavierpart, Widerborstigkeiten gegen glatte Abrundung, energisch hervorhob. Es scheint überhaupt ein Merkmal dieser Interpretation zu sein, dass nicht nur ganze Nummern, sondern sehr oft auch querständige Details innerhalb einzelner Lieder sowohl der Kontrastierung wie auch dem übergreifenden Verweis dienstbar gemacht wurden.

Damit ist bereits angedeutet, dass die beiden Interpreten in intensiver Partnerschaft nicht Schöngesang und Schönklang anstrebten, sondern eine konzeptionelle Schlüssigkeit aufgrund dialektischer Mittel. Und das ist ihnen in sehr beeindruckender Weise gelungen, auf erwartungsgemäss hohem Niveau, technisch und künstlerisch.

Linus David

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