Zum Konzert am 13. Dezember in Berlin


    

     Der Tagesspiegel, Berlin, 17. Dezember 1983     

Die Stimme der Sprachlosen

Fischer-Dieskau und Ozawa mit den Philharmonikern

     

Der Konzertmeister Michel Schwalbé handelte wohl auch stellvertretend für viele im Philharmonie-Publikum, als er nach Mahlers Wunderhorn-Liedern den Sänger Dietrich Fischer-Dieskau spontan umarmte. So kongenial, so bewegend dürften diese Lieder, die dem Leid der Sprachlosen zu künstlerischem Ausdruck verhelfen, selten gesungen worden sein. Ich kann mir nicht denken, daß man sie überhaupt besser und genauer darstellen, sie tiefer erfassen kann, als es Dietrich Fischer-Dieskau, sensibel unterstützt durch das von Seiji Ozawa geleitete Philharmonische Orchester, an diesem Abend tat.

In einem Beitrag für das Programmheft verwies der Sänger auf den mitmenschlich und politisch denkenden Mahler, dessen Dostojewski-Lieblingssatz lautete: "Wie kann man glücklich sein, wenn ein Geschöpf auf Erden noch leidet!" Daß der spätere Wiener Hofopern-Direktor kein Konservativer, kein Freund der Habsburger-Monarchie, sondern ein mit dem österreichischen Sozialismus sympathisierender Künstler war, ist in kaum eine seiner Kompositionen so deutlich eingegangen wie gerade in die Orchester-Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn". Sie handeln nicht von Knaben oder Wundern, sondern vom Elend der kleinen Leute, vom Leiden vor allem der Soldaten, für die der Krieg fast schon den sicheren Tod bedeutet.

Von fröhlicher Volkslied-Naivität sind Mahlers Wunderhorn-Lieder so weit entfernt wie die meisten echten Volkslieder. Der Soldatenberuf erscheint vielmehr als Feind wahrer Menschlichkeit, als Verhinderer von Liebe. Die Bitterkeit, mit der der Soldat in "Wo die schönen Trompeten blasen", in "Der Schildwache Nachtlied", vor allem aber in der "Revelge", in den Krieg zieht, wurde bei Fischer-Dieskau zur Anklage, das "Trallali, Trallaley", mit dem er den gespenstischen Marsch der Totengebeine kommentierte, zum Verzweiflungsausbruch, die an Karikaturen von Grandville erinnernde Sozialkritik in "Des Antonius von Padua Fischpredigt" erhielt gerade durch die glänzend getroffene Ironie Schärfe. Gegen die romantischen Verheißungen vom Glück im Rosengarten oder auf stiller Bergeswiese setzte sich immer wieder eine realistischere Haltung, der schmerzvolle Blick auf die Gegenwart, durch. Es bedurfte schon der Darstellungsfähigkeit eines Fischer-Dieskau, um den zwischen Anklage, Hoffnung und Resignation schwankenden Charakter dieser Lieder voll zu erfassen. Eine so vollkommen gelungene Interpretation hätte es nicht werden können, wenn nicht auch das von Seiji Ozawa geleitete Philharmonische Orchester der nuancierten Tempogestaltung des Sängers so genau und flexibel gefolgt wäre.

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Albrecht Dümling

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