© Leipziger Volkszeitung vom Montag, 20. Mai 2002

An der Seite von Meister Propper gegen den Schmalz-Belag

Luisi und Co. haben wieder mal auf fremdem Gebiet gewildert. Aber das mit so viel Bravour, dass sie den Gewandhauskollegen noch einige Nachhilfestunden geben könnten. Nachdem man sich kürzlich im SOS-Einsatz der "Tosca" angenommen hatte, war erneut Musikdrama konzertant angesagt. Und was dann MDR-Chefdirigent, Sinfoniker und Chor bei ihrer Verdi-Gala im ausverkauften Großen Gewandhaussaal auftischen, ist nicht nur eine "Best-of-Version". Da werden die Schlager des großen Italieners zu mehr als Seufz-Schnief-Taschentuch-Programm.

Denn der Maestro greift auch bei der Opern-Hitliste eben nicht in die Effektkiste, sondern betreibt ernste Charakterstudien, so dass sogar der "Nabucco"-Gassenhauer wie neu klingt. Luisi legt den Gefangenenchor komplett trocken von jedem Pathos, zügelt die MDR-Stimmen zum unprätentiös verhaltenen Klagegesang und plädiert auf Purismus.

Überhaupt scheint bei dem Orchester-Marsch durch sieben Opern Meister Propper am Werk: Jeden Hit, jede Arie und Overtüre poliert der Italiener bis in die letzte Sechzehntel hinein auf absolute Durchlässigkeit, entfernt eisern jeden Schmalzbelag. Dabei kommt kein klinisch reiner, sondern ein agiler, warmherziger Verdi raus: Vom ersten Ton an zückt das Radio-Orchester die Visitenkarte, paart Pfiffigkeit mit Helligkeit mit dunkler Dramatik. Klangwelten verbrüdern sich in der Potpourri-Overtüre zur "Macht des Schicksals", wunderbare Bläser-Tränen tropfen durch das Vorspiel von "Macbeth".

Da zeigen sich die vereinten MDR-Kräfte plus Frontmann Luisi mal wieder in Top-Form. Aber nicht nur die: Tenor Miroslav Dvorsky ist alles andere als ein Knödelfachmann: Trotz Powerorgan bleibt er immer feinnervig, sein Rodolfo ("Luisa Miller") aristokratisch im Schmerz, sein Macduff ("Macbeth") süffig und voll emotionaler Tiefe.

Nach ihrer Desdemona ("Otello") kocht schließlich der Saal: Wenn Julia Varady das Ave Maria in Zärtlichkeit bettet, wenn ihre Töne am Rande des Nichts perlen, zeigt sich wieder, was für eine große Stimme sie war. Denn da singt (auch wenn die Höhen nicht mehr so recht anspringen und zuvor ihre Odabella-Romanze ,Attila mehr Kampf als Triumph ist) immer noch die Sopranistin, die jede Note mit Innigkeit füllt, sich mit ihrem ganzen Sein in die Musik stürzt. Bravos, Blumen und stehende Ovationen

Hanna Jacobi

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