Thüringische Landeszeitung vom 28. November 2002

An der Grenze von Poesie und Wirklichkeit

Weimar. (tlz) Wenn das Jahr zur Neige sinkt, Novembernebel graue Schemen zeugen und die Zeit reift für knisternde Kamingeschichten, dann will künftig Weimars Klassik-Stiftung ihre guten Freunde einladen zu stilvoller Entführung in ein Zwischenreich. Der Veranstaltungsreigen, kompakt an einem Wochenende, heißt "MelosLogos" und meint die traditionsreiche, ästhetisch höchst sublime Verbindung von (Kammer-)Musik und Wort - so wie sie sich heute vielleicht nur noch einem kleinen, poesieerfahrenen Publikum auf Anhieb erschließt.

"Zwischenreich" bedeutet aber auch die Suche nach Mystisch-Unerklärlichem: auf Kafkas Spuren, in romantischen Schauergeschichten, auf der Schwelle zur Geisterwelt zwischen Leben und Tod, irdischer Mühsal und transzendenter Erlösung. Der Stiftung Schlösser schließlich, zwischen klassischer Pracht und unvollendeter Restaurierung, geben dafür wohl das ideale Ambiente ab.

Eine neue Tradition?

Zu den vier Veranstaltungen von "MelosLogos 1" kamen je gut 100 Gäste, etwa die Hälfte von auswärts, potente Freunde der Klassiker-Institution, die sich zum "jour fixe" mit kulinarisch wie mit erlesen geistiger Nahrung laben ließen. Diese "poetischen Liedertage" möchte Stiftungspräsident Hellmut Seemann zur selbsttragenden Reihe erheben und spricht, als beflissener Wahrer aller alten, schon gleich von einer neuen Tradition.

Exquisit der Reigen prominenter Künstler: Den Bariton Dietrich Fischer-Dieskau zum Beispiel, der gestern die abschließende Sonntagsmatinee bestritt, haben wir viel besser denn als Bühnenhelden als den nuancierungsreichen, kraftvoll-melodischen Liedinterpreten im Gehör und etwa seine Schubert-Referenzaufnahmen mit Gerald Moore natürlich im Regal. Dem öffentlichen Gesang hat der 77-Jährige längst Valet gesagt, aber als Lyrik-Deklamator ließ er sich doch gern nach Weimar bitten.

Stimmliches Tosen

Schumanns Hebbel-Vertonungen "Schön Hedwig" und "Ballade vom Haideknaben" rezitierte der Grandseigneur mit enormer Sprachmusikalität, variierte je nach Bedarf Tempo, Dynamik und Färbung bis in die feinste Schattierung, charakterisierte plastisch etwa die keusch-naive Hedwig, bebte vor Pein mit dem ängstlichen Knaben und ließ tosend in Shelleys "Flüchtlingen" die Meeresstürme tosen. Burkhard Kehring, am Klavier nurmehr Begleiter, untermalte pedalmächtig die Stimmungsvaleurs mit romantischer Wucht.

In Richard Strauss´ Vertonung von Alfred Tennysons Poem "Enoch Arden" spannte Fischer-Dieskau den bewegten und bewegenden Lebenskreis des tragischen Seemanns. Er sprengte sogar mitunter mit auffrischendem Forte schier die Akustik des Schlosssaals. Dank dieser von Altersweisheit durchdrungenen Vitalität bereitete der Stimmvirtuose der Weimarer "MelosLogos"-Premiere einen bejubelten Schlusspunkt. - Fortsetzung folgt: Für 2003 haben Imre Kertesz und András Schiff schon zugesagt.

24.11.2002   Von Wolfgang Hirsch

zurück zu NEWS