De Telegraaf: Interview mit Dietrich Fischer-Dieskau.

Übersetzung aus dem Niederländischen von James Kliphuis, ins Englische von Celia A. Sgroi.

De Telegraaf, Amsterdam, 14.02.2003

Dietrich Fischer-Dieskau gibt Meisterkurse in Amsterdam.

"Ich habe das Singen vermißt"

von Eddie Vetter

BERLIN – Dietrich Fischer-Dieskau befindet sich nicht im Ruhestand. Der berühmteste Liedersänger des 20. Jahrhunderts hat zwar am Silvesterabend 1992 einen Schlußstrich unter seine Sängerkarriere gesetzt, sich aber keinesfalls auf den Altenteil verzogen. Er dirigiert, malt, schreibt Bücher und lehrt. In der nächsten Woche kommt er nach Amsterdam, um einen Meisterkurs zu geben und er wird auch einen Vortrag halten. Alles konzentriert sich auf den Komponisten Hugo Wolf, der vor 100 Jahren verstorben ist und dessen Biographie Fischer-Dieskau kürzlich neu geschrieben hat.

Wir hatten uns bei ihm zuhause in Charlottenburg, am Rande der riesigen Berliner Innenstadt, zu einem Gespräch verabredet. Als das Gartentor aufspringt, erscheint schon am Ende des Gartenweges seine hohe Gestalt in der Türöffnung. Es scheint so, als würde er gleich die Arie des Grafen aus Le nozze di Figaro anstimmen.

"Sie wissen doch, daß ich für jedes Interview 250 Euro berechne?", fragt er mit besorgter Stimme. Der Interviewer weiß von nichts und murmelt etwas verlegen: "Ach so?". Kaum hat man eine Arie des Grafen erwartet, wird einem auch schon die Rechnung präsentiert. Aber er ist ganz freundlich. "Wissen Sie, ein Sohn von Freud hat dieses Haus entworfen! Ich wohne hier jetzt schon über 50 Jahre." Während er erzählt, führt er mich flugs über dicke Teppiche hinweg, vorbei an Antiquitäten des 18. Jahrhunderts.

'DFD' schenkt Tee ein und erzählt dabei: "Die Wolf-Biographie ist schon mein zehntes Buch. Ich habe hauptsächlich über Personen geschrieben, die gerade im Begriff sind, vergessen zu werden. Meine Bücher sind nie Bestseller gewesen. Absolut nicht! Ich habe mein ganzes Leben mit Wolf verbracht und das hat schon mit dem ersten Konzert hier in Berlin angefangen. Was mich an ihm fasziniert, ist seine unglaubliche Fähigkeit, sich in ein Gedicht hineinzuversetzen, es wirklich zu verkörpern. Es kommt einem so vor, als sei er ein richtiger Schauspieler. Aber die Leute vergessen ja so schnell. Walkers Biographie erschien schon vor mehr als 50 Jahren. Da habe ich mir gedacht, daß es jetzt Zeit für eine neue Biographie sei."

"Sehr viel Material verdanke ich Elisabeth Schwarzkopf. Das Buch ist ihr auch gewidmet. Ihr verstorbener Ehemann, Walter Legge, wollte schon in den 30ger Jahren zusammen mit Frank Walker eine Wolf- Biographie verfassen. Sie haben Gespräche geführt und mit Menschen korrespondiert, die Wolf noch gekannt hatten. Aber das hat sie bezeichnenderweise auch bei ihrer Arbeit behindert, da damals noch viele Betroffene lebten und somit der Deckmantel des Schweigens angesagt war. Dies führte wohl auch dazu, daß Walker alle Frauengeschichten nur im Vorübergehen behandelt hat."

"Singen und Bücherschreiben haben durchaus Gemeinsamkeiten. Es gibt immer ein Zwiegespräch zwischen mir und den Dingen, die mich gerade beschäftigen. Die Dinge geben mir Antworten auf meine Fragen. Und sie sagen mir, was sie wollen. Auch machen sie mir klar, was wichtig und notwendig ist. Ich habe es immer als völlig unangebracht empfunden, wenn Kritiker über mich als den 'intellektuellen' Sänger schrieben. Wissen Sie, daß ich viele der Schubert-Lieder, die ich zusammen mit Gerald Moore auf Platte aufgenommen habe, nur flüchtig durchgesehen und dann vom Blatt gesungen habe?". Interpretation "Es ist doch nicht berechenbar, was sich während eines Liederabends in einem großen Saal ereignen wird. Kathleen Ferrier zum Beispiel. Sie kümmerte sich wirklich nicht um so etwas wie Deutung und Interpretation eines Stückes. Es war ihre Stimme, ihre pure Menschlichkeit, mit der sie das Publikum für sich eingenommen hat. Furtwängler sagte, daß zwischen einem Musiker und dem Publikum eine vollkommene Liebesbeziehung entstehen müsse, die beide zu einer Einheit verbindet. Da macht es dann keinen Unterschied, ob in einem Konzertsaal achthundert oder dreitausend Menschen sitzen."

"Natürlich vermisse ich das Singen. Die Stimme ist ein so direktes, von anderen Instrumenten zu unterscheidendes Instrument. Die Stimme wohnt innerhalb des eigenen Körpers, macht alles mit dem Körper mit. Ich bin der Meinung, daß ein Dirigent nur dann ein guter Dirigent ist, wenn er das ganze Orchester zu einem Instrument werden läßt. Alles andere ist sinnlos. Für mich war das schwer. Als ich mit dem Singen aufhörte, war ich zu alt, um noch irgendwo Chefdirigent zu werden. In diesem Alter ist man nicht mehr interessant genug. Also kann ich nur als Gastdirigent mit verschiedenen Orchestern arbeiten. Dann kann ein Orchester aber nicht wirklich mein eigenes Instrument werden, das ich mit meinen eigenen Händen formen kann, das sofort weiß, was ich will und fühlt, wie ich atme."

Er zögert: "Ich hätte so gerne einmal vor dem Concertgebouworkest gestanden. Ich habe so oft damit gesungen, es ist so flexibel und hat einen besonders feinen Klang." Dann resolut: "Ach, es gibt so viele Sachen, die ich noch gerne machen möchte. Warum sollte man auf dieser Erde noch rumwandern, wenn man zu nichts mehr Lust hat? Da kann man ja auch besser gleich sterben. In diesem Jahr werde ich 78 Jahre alt. Fontane hätte gesagt: 'Ein hoher Siebziger.' Natürlich spüre ich das Alter auch. Mein Erinnerungsvermögen läßt nach. Ich kann mich noch daran erinnern, wie verzweifelt Sviatoslav Richter war, als er bemerkte, daß er nichts mehr ohne Noten spielen konnte und er das erste Mal mit einer Brille auf dem Podium erscheinen mußte. Das fand er peinlich, ungeheuer peinlich. Und seitdem ist es mit ihm weiter bergab gegangen."

Berge

"Früher sagte man: 'Mit 40 Jahren ist der Berg erstiegen.' Heute ist das vielleicht mit 55 Jahren der Fall. Aber dann geht es bergab, in sanftem Tempo zwar, aber unaufhaltsam. Ich denke viel über den Tod nach. Man muß wissen, was man aufzugeben hat. Die Lieben müssen sich daran gewöhnen, daß man eines Tages nicht mehr da sein wird. Davor sollte man auch keine Angst haben. Im Gegenteil. Der Tod kann auch als Freund kommen. So wie in 'Der Tod und das Mädchen', wenn er zu dem Mädchen sagt: 'Gib deine Hand, (...) bin Freund, und komme nicht zu Strafen'."

"Ich glaube nicht an einem Leben nach dem Tod. In Goethes Faust gibt es die herrliche Szene im Garten wo er sagt: 'Name ist Schall und Rauch'. Ob ich an ihn glaube oder nicht, Gott, oder wie immer man das Phänomen auch nennen will. Es spielt keine Rolle. Es ist alles 'Schall und Rauch'. Gleichwohl bin ich Protestant. Soweit man es verfolgen kann, gibt es seit Luthers Zeiten in meiner Familie Pfarrer. Ich glaube schon an die Bestimmung des Schicksals, an den Lauf der Dinge, so wie sie gehen müssen."

"Es ist seltsam. Ich bin immer ein verlegener Mensch gewesen. Das hat vielleicht mit meiner Jugend zu tun. Ich bin unter dem verdammten nationalsozialistischen Regime aufgewachsen. Da war es sehr schwer, persönliche Beziehungen mit anderen Leuten aufzubauen. Man konnte so wenigen Menschen Vertrauen schenken. Später, mit 20 Jahren, als das Leben richtig anfing, konnte ich das nicht mehr richtig nachholen. Aus dem gleichen Grunde hat es wohl auch lange gedauert, bis ich mich auf der Bühne wohlfühlte. Mit der Musik klappte das gleich, aber die Fähigkeit der schauspielerischen Darstellung wuchs erst nach und nach. Ich bin ja auch kein Draufgänger. Überhaupt nicht. Und das wird sich auch nicht mehr ändern." Er lacht. "Nicht während der paar Jahre, die mir vielleicht noch gegeben sind."

Bescheidenheit

"Bescheidenheit hat auch gewisse Vorteile. Das vermisse ich ein wenig in der heutigen Kunst. Es fehlt das Bewußtsein, daß wir auf den Schultern unserer Vorgänger stehen. Jedenfalls werde ich versuchen, den Schülern des Meisterkurses ihre Verlegenheit zu nehmen und ihnen dabei helfen, ihre Schüchternheit zu vergessen. Solche Meisterklassen sind schon merkwürdig. Da sitzen meistens Voyeure im Saal, die nur darauf zu warten scheinen, daß jemand einen Fehler macht. Ich trete dabei wie auf einer Bühne auf und fühle mich manchmal wie in einem Kabarett. Das ist eigentlich schade, denn es geht doch darum, den jungen Leuten etwas beizubringen. Manchmal gelingt das auch. Ich kann ihnen aber nur in den Sattel helfen. Reiten müssen sie selbst."

"Was das Amsterdamer Publikum angeht, so bin ich ganz zuversichtlich, weil ich sehr gute Erfahrungen mit ihm habe machen können. Es ist ruhig, konzentriert und doch sehr temperamentvoll. Manchmal singe ich während eines Kurses etwas vor. Aber nur, wenn es absolut notwendig ist. Ich will ja nicht, daß da in der ganzen Welt kleine Fischer- Dieskaus rumlaufen. Die Sängerschüler müssen ihren eigenen Charakter bewahren und entwickeln."

Er steht auf, um mit Julia Várady, seiner vierten Ehefrau, Arien aus italienischen Opern für eine neue CD einzustudieren. Über einer Couch hängt eines seiner eigenen Bilder, auf dem bunte Figuren auf einer Bühne zu sehen sind. Er erklärt: "Das ist die Schlußfuge aus Falstaff. Dieses Stück habe ich gesungen, als ich zum letzten Mal als Sänger auf der Bühne stand. Da habe ich mir gesagt: Das ist doch eine wunderbare Idee, wenn ich mit diesen Worten mit dem Singen aufhöre: 'Tutto nel mondo è burla' (Alles auf der Welt ist ein Scherz)'. Aber vielleicht ist italienische 'burla' doch etwas anderes als deutscher 'Scherz'."

Übersetzung: © James Kliphuis 2003


De Telegraaf (Amsterdam) 14 February 2003

Dietrich Fischer-Dieskau to teach master classes in Amsterdam

"The singing is what I have been missing"

by Eddie Vetter

Dietrich Fischer-Dieskau has by no means gone into retirement quietly. On New Year's Eve 1992, the most renowned Lieder singer of the twentieth century may have put a full stop behind his singing career - but that doesn't mean he is taking things easy now. His days are filled with with conducting, painting, writing and teaching. Next week he'll go to Amsterdam where he will hold master classes and give a lecture. They will all be centred round Hugo Wolf, the composer who died a hundred years ago: Dietrich Fischer-Dieskau has just published his biography.

He'd agreed to receive me in his home, in Charlottenburg, on the edge of Berlin's immense city center. When the garden gate clicks open, the large figure emerges in the door opening - it looks as if he is about to break into the Count's aria from Le nozze di Figaro.

"I trust they told you I always charge 250 Euro (= c. 250,-- US$) for interviews? he asks with some concern in his voice. The reporter, who had been told nothing of the sort, is embarrassed, and mutters: "Ach, so." There you go: one moment you are expecting an aria, the next moment you're presented with a bill. However, the great man is really charming. "Did you know this house was designed by a son of Freud? I've been living here for over fifty years now." He briskly shows me the way across thick carpets and eighteenth-century antiques.

'DFD' is pouring tea. "This Hugo Wolf biography is already my tenth book," he says. "My books mostly deal with characters that are no longer in people's minds. Most of them didn't sell very well! Wolf has been part of my life all along, starting with my first concert here in Berlin. What I find fascinating about Wolf is his incredible capacity for getting to the core of a poem, as if he were an actor. But people forget. [Frank] Walker's Wolf biography was published more than half a century ago. So I thought: it is time for a new version.

"The book is dedicated to Elisabeth Schwarzkopf, who gave me access to a great deal of unique material collected by her late husband, Walter Legge. Back in the Thirties, it had already been Legge's ambition to write a Wolf biography, together with Walker. They spoke to (and corresponded with) a great many people who had known Wolf personally. But at the same time that meant they couldn't write freely because there were still quite a few people alive who had been directly involved. Frank Walker has (for instance) dealt rather fleetingly with the intricacies of Wolf's love life.

"Writing and singing, they have things in common. It is about getting a dialogue going between me and the things I am writing about. They react, they offer answers to my questions, they indicate what should be done. I never liked it when critics referred to me as an "intellectual" singer. You know, many of the Schubert songs I recorded with Gerald Moore I had just looked through quickly - in the studio I sang them more or less a prima vista!

Interpretation

"You can't work out exactly beforehand what will happen in the course of a recital in a large hall. Take Kathleen Ferrier, for instance; I don't think she was very concerned about interpretative details. Her voice, her pure humanity, that was what the audience loved. Furtwängler always said that there had to be an ideal love relation between musicians and the audience, they had to become as one. Then it doesn't matter if there are eicht hundred or three thousand people in the hall.

"Of course, giving up singing was a great loss. The voice is so direct, different from other instruments. The voice is part of the body, it lives in the body, sharing in everything that happens. I think a conductor has not grown into a real conductor until he has learnt to bring about a fusion of all the instruments, turning it into one voice. If a conductor doesn't achieve that, the exercise isn't worth the trouble. It was tough for me: when I concluded my singing career I was too old to be offered a post as Chief Conductor somewhere. They don't want you for a permanent position at that age. So I have to work with different orchestras as guest conductor, and then it never becomes my own instrument, molded by my own hands. An instrument that knows what I want, that feels how I breathe.

He hesitates for a moment. "I would have loved to conduct the Concertgebouw Orchestra. I have often appeared with it as a singer, its sound is so delicate and flexible." Then, resolutely: "Well, there are so many things I still enjoy doing. Why should you go on wandering across this world if there's nothing left you want to do? You might as well be dead. This year I'll be 78. Of course I realize that. My memory is getting worse. I remember the agony Sviatoslav Richter went through when he found he could no longer play everything from memory and had to wear glasses for the first time during an appearance at a concert. That was painful for him, terribly painful and embarassing. And then he went downhill fast.

Mountain

"They used to say: at forty, you've climbed the mountain [Rückert/Brahms].These days, that moment may have shifted to 55, but then you are going downhill, softly but surely. I think a lot about death. You have to know what you'll be giving up. Your loved ones must get used to the idea that one day you won't be there anymore.There should be no fear. To the contrary, death can come as a friend, as in Schubert's 'Der Tod und das Mädchen' [Death and the Maiden] where he (Death) says to the girl: "Give me your hand, I am your friend, I haven't come to punish you".

"I don't believe in life after death. In Goethe's Faust you have that wonderful scene in the garden where he says: 'Name ist Schall und Rauch', (a) name is sound and smoke. Whether I believe in God (or whatever name you give him), it doesn't matter, it is mere 'Schall und Rauch'. Although -- I was brought up a Protestant. There have been vicars in my family as far as you can trace it back all the way to Luther.What I do believe in is the inevitability of fate, things have to go as they go.

"Funny, I've always been shy. Maybe it's what happened in my youth. I grew up under that damned National Socialist régime, and it was difficult then to enter into any sort of relationship with anybody. There were so few people you could trust. Later, when you are twenty or so, and life is really going to begin, you can't make up for those lost years. It took me a long time to feel more or less at home on the stage. With concerts, recitals, there was no problem. But acting, playing a role, that had to come step by step. And I am not a Draufgänger, a reckless sort of person, not at all. And - "he laughs" that won't change in the few years I've left."

Modest

Modesty isn't a bad characteristic to have. I find it lacking often in contemporary art. The awareness that we are standing on the shoulders of our predecessors - and that that's why we are where we are. One of the first things I'll try to do in the master class is to help my pupils overcome their natural shyness. There's no place for inhibitions on the concert platform. There is something a bit funny about master classes. Often the audience is made up of voyeurs, of people who are waiting for something to go wrong. I've got to react to that on the stage, almost as if it is a cabaret, as if I were a standup comedian. That's a shame, because the idea is for the young singers to learn, to pick something up from me. And of course, I can help them to get into the saddle, but the actual riding they must do themselves.

Let me say I have full confidence in the Amsterdam audience. Some of my best memories are associated with it. The people are quiet, concentrated, yet temperamental. Sometimes I sing a brief phrase to demonstrate a point during a master class, but only when it is necessary. I don't want to people the world with crowds of little Fischer-Dieskaus. They must retain their own personality.

He gets up. He is going to study Italian opera arias with soprano Julia Várady, his fourth wife, for a new CD. Over the sofa hangs one of his paintings, a row of colourful figures on a stage. "That is the fugue in the finale of Falstaff," he says. "My last role on the stage. I said to myself: what a wonderful way to end, with this text: 'Tutto nel mondo è burla', all the world's a jest. Though there's bound to be a difference between the Italian 'burla' and the German 'Scherz'."

Translation: © Celia A. Sgroi 2003

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