27. Januar 2003

Ein durchaus sentimentaler Abend

Musik ist nur eine Randerscheinung: Glocke-Vokal präsentiert Dietrich Fischer-Dieskau als brillanten Vorleser, versündigt sich aber dramaturgisch am Komponisten Hugo Wolf

Als Teenager habe ich für ihn geschwärmt. Ich hatte mein Zimmer voll mit seinen Bildern. Und eines Tages schrieb ich ihm einen derart begeisterten Brief, dass einige Tage später seine Agentur mir eine Freikarte für das nächste Konzert schickte! Der 1925 geborene Bariton Dietrich Fischer-Dieskau ist im Liedgesang Vorbild und -als Professor an der Hochschule für Künste in Berlin - Lehrer für ganze Generationen von SängerInnen. Eine Jahrhundertfigur, mit der zahlreiche Gäste des "Glocke Vocal"-Abends am Samstag ähnliche Erinnerungen und Empfindungen verknüpfen mögen.

Lang anhaltender Beifall begrüßte den Sänger. 78 Jahre ist er alt. Aber sieht viel viel jünger aus. Nach Bremen war er allerdings gekommen, um vorzulesen: Aus seiner Hugo Wolf-Monografie. Man konnte ihm gut zuhören: liebevoll nähert er sich dem einsamen und am Ende durch die Syphilis wahnsinnigen Komponisten an. Jenem Komponisten, der gesagt hat, man solle ihn auf den Mist werfen, wenn er nicht mehr komponiere. Drei Kapitel las Fischer-Dieskau: Hugo Wolfs Ankunft am Wiener Konservatorium, wo Gustav Mahler in seiner Klasse war, seinen Versuch, den verehrten Richard Wagner im teuersten Hotel der Stadt in seiner sieben-Zimmer-Suite aufzuspüren und sein Abtransport in die Heilanstalt.

Dafür, so die bittere Anekdote, zog er sich einen Frack an. Freunde hatten ihm erzählt, er bekäme eine Stelle als Operndirektor. Erst als die Ärzte ihn festhielten, begriff Wolf, wo er hingebracht worden war. Im Alter von nur 43 Jahren starb er in der Anstalt. Fischer-Dieskaus dichter Text findet stilistisch eine überzeugende Mitte zwischen musikwissenschaftlicher Kenntnis und fast belletristischer Darstellung. Wunderbar szenisch gestaltete der Autor seinen Vortrag, beispielsweise, indem er Wagner sächsisch und Wolf Wienerisch sprechen ließ.

Doch so schön und ergreifend dies an sich war, so wenig überzeugte die Gesamtveranstaltung. Denn Fischer-Dieskau las 65 Minuten. Und die je fünf Lieder, die der Tenor Christian Elsner vorher und hinterher singen durfte, hatten lediglich den Charakter einer musikalischen Umrahmung: nur zweimal 15 Minuten Musik - das ist nicht nur dramaturgisch höchst ungeschickt, es widerspricht auch vollkommen dem ästhetischen Ansatz Wolfs. Dessen Anliegen war die perfekte Versenkung in die Gedichte. So hatte der Komponist sich einmal eine Konzert-Reihe mit seinen eigenen Werken gewünscht. Bei dieser sollten am ersten Tag die 53 Mörike-Lieder erklingen, am nächsten Tag die Goethe-Lieder, dann die Eichendorff-Lieder und so weiter.

Ja, Hugo Wolf hätte sich im Grabe herumgedreht, hätte er von diesem Glocke-Abend erfahren. Die skurrile, ironische, poetische Welt des schwäbischen Pastors und genialen Dichters, die Hugo Wolf "zum Heulen schön" fand, ließen die fünf Mörike-Lieder allenfalls erahnen. Schade, schade. Christian Elsner sang mit der kompetenten Klavierbegleitung Burkhard Kehrings besonders gut die ironischen Lieder wie den "Abschied", in dem der Rezensent die Treppe hinunterpurzelt oder "Zur Warnung". Das schildert die Folgen einer durchzechten Nacht. Leichte Probleme im Pianobereich - der Ansatz wirkte durchgehend unsicher - überschatteten geringfügig den viel zu kleinen Einsatz für die Wunderwelt Mörike-Wolf. Dennoch begeisterter Beifall.

Ute Schalz-Laurenze

taz Bremen Nr. 6964 vom 27.1.2003, Seite 23, © Contrapress media GmbH Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags

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