Stuttgarter Zeitung vom 26.03.2002

 

Gezügelte Gefühle

Carl Maria von Weber im Porträt

Wer denkt nicht gleich an den "Freischütz", wenn von Carl Maria von Weber die Rede ist? Klavierschüler mögen vielleicht noch die "Aufforderung zum Tanz" kennen, Klarinettisten schätzen seine Konzerte. Aber wer kennt die umfängliche Kammermusik, wer die zahlreichen Lieder? Und wer weiß um das literarische Schaffen des Komponisten, den unvollendeten Roman "Tonkünstlers Leben" und die etwa 2000 erhaltenen Briefe? Die Hugo-Wolf-Akademie hat nun mit einem vierstündigen Komponistenporträt versucht, die Leerstellen unseres Weber-Bilds zu füllen. Dabei hörte man selten gespielte Kammermusik, junge Sänger trugen ausgewählte Lieder vor, und Dietrich Fischer-Dieskau las aus den Romanfragmenten und den Briefen des Komponisten. Dabei wurde sowohl die Qualität seiner Musik wie auch deren Konventionalität deutlich. Die Tendenz von Romantikern wie Schubert oder Schumann zur Grenzüberschreitung zeigt Weber nicht. Seine Kunst bleibt redlich, seine Emotionalität gezügelt. Dennoch sind Stücke wie das Trio g-Moll op. 63 glänzende Kammermusik, vorausgesetzt, sie wird auf so hohem Niveau gespielt wie hier von Sandrine Tilly (Flöte), Emmanuelle Bertrand (Cello) und Anne le Bozec (Klavier). Zu Webers Preziosen ist auch der Liedzyklus "Die vier Temperamente bei dem Verlust der Geliebten" zu zählen, die Herman Wallén, begleitet von Kanako Nakagawa, nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch überzeugend vermittelt hat. Und dann gab es noch das exquisite Amati-Quartett zu hören, den Klarinettisten Eduard Brunner - man kann hier nicht alle aufzählen, die es ebenfalls verdient hätten. Am verdienstvollsten ist freilich das Engagement von Hartmut Höll und seiner Hugo-Wolf-Akademie. Solche Veranstaltungen sind selten. fab

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