Vorarlberger Nachrichten, Vorarlberg, Österreich, Austria: Kultur

5. September 2002

"Nicht zu viele Höhepünktchen!"

Dietrich Fischer-Dieskau hält Meisterkurs in Schwarzenberg

Schwarzenberg (VN-Sch) Der heurige viertägige Meisterkurs, den die deutsche Sängerlegende Dietrich Fischer-Dieskau im Kleinen Dorfsaal hält, ist bis zum letzten Platz ausgebucht. Das Publikum besteht großteils aus passionierten Schubertiade-Gästen, die es genießen, einmal in die "Werkstatt" von DFD, so das liebevolle Kürzel Fischer-Dieskaus, zu blicken.

Acht junge Künstler waren die Glücklichen, welche der Meister für seinen Kurs ausgewählt hat - sieben Herren und nur eine Dame aus Deutschland und der Schweiz; Österreich ist heuer nicht vertreten. Schubert und Brahms sind beim Sängernachwuchs die Favoriten am Podium.

Und es sind selbstredend Lieder, die Fischer-Dieskau bis in die letzte Nuance kennt und dementsprechend penibel mit seinen "Schülern", die aber vielfach schon ihr Studium beendet haben und an Opernhäusern etc. engagiert sind, erarbeitet. So väterlich der 77-jährige Kammersänger auch wirkt - wenn es um die Kunst geht, kann er messerscharf fordern und auch (geistreich) ätzen. Der Text ist für ihn, den Schönsänger und noblen Rezitator, genauso wichtig wie der Gesang. Und nur zusammen mit dem präzisen und richtig akzentuierten Wort (der Dichter) kann das vollkommene Kunstlied entstehen.

"Du bist ein Sänger und kein Heuler"

Der Sänger am Podium: Locker bleiben (keine Roboterarme), die Hände nicht "zum Gebet" am Bauch verschränken, aber auch keine Schwimmbewegungen und kein Schaufeln und keinen stockenden Atem - dem Nachwuchs schreibt DFD besonders ins Stammbuch: Durch Gesten nicht krampfhaft zu viele "Höhepünktchen" setzen wollen! Wenn etwas gar nicht klappen will, kann DFD auch bissig werden - (in Richtung Flügel): "Sie spielen wie ein Metronom, wie ein Klavierstimmer!" oder "Vibrato ist für Sie in vierzig jahren eine Möglichkeit, jetzt noch nicht!". Oder er parodiert einfach eine Otto-Schenk-Parodie, wie man's nicht machen soll . . . "Du bist ein Sänger und kein Heuler!"

Ich fragte einen jungen, schon im Engagement stehenden Sänger, was er sich von seiner Kursteilnahme verspricht: "Es geht natürlich in erster Linie nicht um die paar Lieder, die vor Publikum erarbeitet werden. Eine Künstlerpersönlichkeit wie Fischer-Dieskau gibt mir aber mit seiner enormen Erfahrung auch in kleinsten Nebenbemerkungen unendlich viele Anregungen für das Sängerleben, so dass man reich beschenkt nach Hause fährt!"

Dietrich Fischer-Dieskau liest am Samstag, 7. September, zusammen mit Gert Westphal im Kauffmann-Saal aus dem Briefwechsel Richard Strauss mit Hofmannsthal.

St. Galler Tagblatt vom 7.9.02

Subtiler Stimmenfang

Wie viel Wonne, wie viel Crescendo braucht die Liebe? Grosszügig lässt Mirko Janiska seinen jugendlichen Bariton strömen, vergisst ein paar Sekunden lang das Augenzwinkern im Text von Heinrich Heine, die vorsichtigen Fragezeichen, mit denen Schumann das Herzklopfen im Zyklus «Dichterliebe» bereits im ersten Lied versieht. «Lass die Liebe nicht überkochen», mahnt eine wohlwollend-väterliche Stimme mitten in das verklingende Klaviernachspiel hinein. In guter Hörweite vom Podium entfernt lehnt Dietrich Fischer-Dieskau an einem Holzpfeiler, lässig und zugleich hochkonzentriert. Über die Ränder der Lesebrille hinweg mustert er seinen Meisterschüler. Nichts entgeht ihm: weder die Haltung noch der Gesichtsausdruck des Sängers, keine noch so kleine Verschleifung in der Aussprache, keine Mattigkeit im Ausdruck, keine Trübung der Aussage. In- und auswendig kennt er den Liederzyklus; seine Einspielung ist ein Stück Interpretationsgeschichte.

Die Ohren langziehen

Wie man den Zuhörern im Saal «die Ohren langzieht», hat Fischer-Dieskau nicht vergessen. Und er macht kein Geheimnis daraus. Der winzige Gestaltungshinweis, den er dem jungen Bariton aus Leipzig gibt, ist Fundament seiner eigenen, einzigartigen Karriere als Liedsänger. Aus dem Vermittlungsgenie von einst ist der subtile Stimmenfänger geworden. Dietrich Fischer-Dieskaus alljährlicher Meisterkurs an der Schubertiade in Schwarzenberg findet nicht hinter geschlossenen Türen statt - schliesslich müssen sich die zehn Nachwuchssänger, darunter in diesem Jahr nur eine Sopranistin, an Publikum gewöhnen. Ein Publikum, das nachmittags und abends im Angelika-Kauffmann-Saal mit der Weltklasse vergleichen kann. Und an den Vormittagen lernt, wie viel Details zusammen den perfekten Vortrag, die berührende Interpretation, ergeben. Kerzengerade sitzen die Zuhörer im Saal, unterdrücken das Hüsteln, verkneifen sich Gespräche mit dem Nachbarn bis zur Mittagspause; einige machen sich Notizen. Jeder hat seinen Favoriten unter den jungen Sängern, die mit Schumann, Brahms und Mahler, mit Beethoven, Hindemith und Pfitzner «Seelenlandschaften menschlicher Art» durchstreifen, während draussen die Spätsommersonne letzte Wolkenfetzen zwischen den Hügeln wegbrennt und zum Wandern lockt. An diesem Vormittag wird viel gelacht im Kleinen Dorfsaal; die Stimmung ist aufgeräumt, die Arbeitsatmosphäre förderlich. Und doch ist der Respekt der jungen Musiker vor der Sängerlegende bei jedem Einsatz aufs Neue zu spüren. Tags zuvor monierte er die Brille eines Sängers. Einen anderen Schüler wies er schon nach den ersten Tönen streng vom Podium.

Kunst der leisen Töne

Besonders hartnäckig feilt Dietrich Fischer-Dieskau an der Kunst der leisen Töne. «Wie sagte Karl Böhm - brüllen kann jeder!» Ihm aber geht es um Mitteilung, um Inhalte, um eine persönliche Aussage mit den subtilen Mitteln der Musik. Ein Kursprogramm, das auch Politikern nicht schaden würde. Bettina Kugler Aus dem TAGBLATT vom Samstag, 7. September 2002.

 

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