Wiener Zeitung, 08. August 2005

Felsenreitschule: DSO

Der Himmel kann warten

DSO Berlin unter Nagano

In Todesnähe begab sich das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) Berlin, nach Schreker-Opernabenden nun auf der Bühne zugange. Mit dem Adagio aus Mahlers Zehnter sollte Chefdirigent Kent Nagano den Samstagvormittag beginnen - und siehe da, auch bei ihm kann der Himmel warten: Gemächlich hebt Mahlers Schwanengesang an, doch scheint er seines Tons nicht ganz sicher. Denn weder schwelgt man in herzzersprengender Agonie, noch wurde ein Orchestersatz distanziert durchleuchtet. Elegantes Understatement mag man diesen Stil nennen, der bei Bruckners "Sechster" wiederkehrt: Hell schichten sich die Streicher, noble Zurückhaltung herrscht im Blech - womit Bruckner'sche Elementarwucht meist gebannt blieb.

Aber gebannt wurde dann auch das Publikum: Denn Bernd Alois Zimmermanns "Ich wandte mich um und sah alles Unrecht, das geschah unter der Sonne" von 1970 entpuppt sich da als ebenso ausdrucksstark wie programmzeilenfüllend. Wenige Tage vor seinem Freitod hatte der Deutsche das Werk vollendet, das Worte des Predigers Salomo mit Dostojewskis "Großinquisitor" verwebt - mit der bitteren Sentenz, dass der Mensch der Befreiung durch Christi nicht gewachsen war. Und die bläuen einem drei beklemmende Protagonisten ein: Allen voran Dietrich Fischer-Dieskau, der mit ungemein melodiöser Stimme den eiskalten Inquisitor spricht, daneben Christoph Bantzer als explosiver Bibelsprecher und Bass Dietrich Henschel, der expressive orgelt, während Posaunen apokalyptisch dröhnen. Und Nagano: Mehr Hörspielleiter als Dirigent, bleiben ihm zwar wenig Noten, doch weiß er damit zu fesseln. Dass er dann kurz verzweifelt auf dem Podium sitzt, dankt sich freilich nur dem Willen des Komponisten - denn so viel Applaus für Modernes ist hier selten zu hören.

Von Christoph Irrgeher, Salzburg


© Salzburger Nachrichten 08.08.2005

Salzburgs Klangkulisse

spielte an diesem Samstagvormittag anfangs trefflich mit, als das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in der Felsenreitschule zum vorletzten Mal in Aktion trat. In eine seltene Stille hinein, die nur vom ruhigen Regenniederschlag durchrieselt wurde, hoben die Bratschen mit dem Adagio aus Mahlers 10. Symphonie an und immer, wenn die Musik nach glühendem Aufbäumen und Wehgeschrei in diesen zaghaft schüchternen Anfang zurücksank, stellte sie sich wieder ein, diese Collage aus Mahler und Regen. Bei Bernd Alois Zimmermanns "Ekklesiastischer Aktion" für zwei Sprecher, Basssolo und Orchester war man dann, trotz reduziertem Aktionsanteil, meist zu gebannt von der explosiven Dramatik der musikalischen Ereignisse und der Ausstrahlung Dietrich Fischer-Dieskaus, um auf derlei Kongruenzen Acht haben zu können.

Fischer-Dieskau, der hier die Rolle des Großinquisitors übernommen hatte, war die Idealbesetzung eines Sprechers, von dem der Komponist eine "feste, gut geführte Greisenstimme" verlangt. "Hart skandierend, eisig", wie Zimmermann wünschte, trieb er den Prediger in die Enge, als welcher Christoph Bantzer nicht so ganz die goldene Mitte zwischen "gut skandierend" und "flammend" traf. Die elementare Verzweiflung und hohe Expressivität, die Kent Nagano mit dem Orchester und Dietrich Henschel als starkem Solobass in Zimmermanns Apokalypse des gottverlassenen Menschen freilegten, riefen tiefe Bestürzung und dankbaren Beifall hervor.

Dagegen musste die zweite Konzerthälfte abfallen. Schien es zuvor, als ob Konzertgeschehen und Außenwelt in geheimem Einverständnis stünden, kam es nun zu komischen Effekten, als etwa im 3. Satz von Bruckners 6. Symphonie ein Propellergeräusch das E der Bässe vorwegnahm. Überhaupt haftete diesem Bruckner unfreiwillig Komisches an, klang er seltsam unwahr. An den Ausführenden lag's nicht. Oder doch? Doch. Weil er nach Mahler und Zimmermann eigentlich unmöglich war.

PETER REICHELT

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