Merkur online 29.11.2003:

Rezitativ und gebundene Sprache verschmolzen

Dietrich Fischer-Dieskaus über Hugo Wolf im August-Everding-Saal

Grünwald (sta) - Durchnässt und zitternd irrt der 38-Jährige ziellos im Wald umher. Gerade hat der österreichische Komponist Hugo Wolf (1860 bis 1903) versucht, sich im Traunsee zu ertränken. Angstzustände, Todessehnsucht und das Gefühl fürchterlicher Verlassenheit werden ihn bis zur völligen geistigen Umnachtung in der niederösterreichischen Landesirrenanstalt bei Wien verfolgen.

Zu Hugo Wolfs 100. Todestag schrieb Dietrich Fischer-Dieskau ein Buch, das sich zwar des biografischen Rahmens bedient, zugleich aber Außenseiterstudie und Kulturgeschichte des Wiener und Berliner Musikbetriebes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist. Und eine kompetentere Werkeinführung, zumal in Wolfs Liedschaffen, ist kaum zu haben. In seiner Autorenlesung beschränkte sich der Sänger-Mythos zwar vorwiegend auf spektakuläre Momente im Komponistendasein und auf einen blauen Kasten aus Privatbesitz - ein Kassettenrecorder für die Musikbeispiele, behaftet mit einem auf und abfallenden Geräuschpegel und einem Rauschen, das immer wieder des Interpreten Einschreiten erforderte. Aber die Magie der Bandstimme setzte sich darüber hinweg.

Fischer-Dieskau und Wolf, das ist eine der Konstellationen, die den Rang des Einmaligen beanspruchen. Vielleicht ergibt sie sich aus der bruchlosen Verschmelzung von Rezitativischem und gebundener Melodie. Und gerade dem gebürtigen Berliner Bariton wurde nicht selten der Vorwurf gemacht, dass er das Rezitativ, den Sprechgesang, überbetone. Ein Vorurteil, zu dem eine intelligente, auf der Sprache aufgebaute Gestaltung beitrug. Aber wie wunderbar gerät die vokale Linie, das Spiel mit Stimmfarben und Zwischentönen.

Die Grünwalder erfahren, wie sich der junge Wolf einer Wagner-Schwärmerei überließ, tagelang vor dem Wiener Hotel Imperial herumstapfte, um "ein Zipfelchen des Verehrten" zu erblicken. Dann steht er vor der Tür von Wagners Appartement und rückt diesem auf die Pelle.

Jahre später werden in Berlin einige Werke des jetzt etablierten Komponisten Hugo Wolf aufgeführt. Der hört sich das Ganze kurz an, rennt auf den Korridor der Philharmonie: tobend, gestikulierend, bleich im Gesicht. Ursache: das angeblich zu langsame Tempo des Dirigenten. Die Symptome einer früh erworbenen Syphilis steigern sich immer mehr zur Paralyse, Schlaflosigkeit. Zwei Schlaganfälle unterstreichen ein tödliches Krankheitsbild. An einem einsamen Sonntag um drei Uhr nachmittags verstirbt einer der "Schmerzensmänner der Musik".

Der Schluss des Abends gehört einem der berückendsten Wolf-Lieder. Er vertonte darin eines der Sonette von Michelangelo, und Fischer Dieskau singt - leider nur vom Band.

"Daran sind Herrin, deine Augen schuld." Es ist ein Gesang voll flammender und zugleich zartester Liebesempfindung, der sich in einem strahlenden E-Dur steigert und in einem tröstenden Nachspiel ausklingt.

mm

 

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