BERLINER MORGENPOST 29.1999-2017

Schöner singen mit Fischer-Dieskau

von Martina Helmig

Christian hält sich am Klavierdeckel fest. Die aufgerissenen Augen täuschen nicht über seine Nervosität hinweg. Verhalten klingt Beethovens "Mailied". Ein voller Saal, eine Legende mit Röntgenohren als Lehrer - ein Meisterkurs mit Dietrich Fischer-Dieskau kann Jungsängern schon zusetzen.

Dabei schüchtert der Altmeister den Schüler nicht ein, sondern spornt ihn an. Er hüpft über die Bühne, singt mit Christian und legt ihm den Arm um die Schulter. Mit geballter Faust verlangt er Risikofreude, "kleine Feuerbälle von Note zu Note" - und schnellen Flankenatem. Wer ist hier jung, wer alt? Passioniert versetzt Fischer-Dieskau dem matten Sängernachwuchs inhaltsschwere Adrenalinstöße. Bis das "Mailied" freier klingt und Christian den Klavierdeckel loslässt.

Vor elf Jahren hat der Meister, der für Generationen die Sicht auf Schubert, Schumann & Co. prägte, seine Gesangskarriere beendet. Als Dirigent, Buchautor und Pädagoge ist der 78-jährige Berliner aber noch aktiv. Bis 1994 lehrte Fischer-Dieskau als Professor an der Universität der Künste Liedinterpretation. Seitdem gibt er dort Meisterkurse. Thema diesmal: "Deutsches Lied: Von Beethoven bis Berg".

Um einen Platz im Meisterkurs müssen sich die Studenten bewerben. Interessenten schicken eine Kassette mit zwei Liedern ein. Fischer-Dieskau wählt aus. Die sieben Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland. Jeden Tag zwischen Leipzig und Berlin zu pendeln, macht Daniel Ochoa nichts aus. "Ich lerne so viel über Textbehandlung, Phrasierung und Interpretation", schwärmt der Student.

Seit Anfang Januar probt Fischer-Dieskau mit den Studenten. Die letzten Tage vor dem Abschlusskonzert sind öffentlich. Da sitzt er im Pulli auf der Tischkante vor dem Notenpult. Die Finger spielen mit dem Bleistift, während er jedem Studenten 20 Minuten Aufmerksamkeit widmet. Immer wieder springt er auf und seziert Gesangs- und Klavierphrasen. Was Fischer-Dieskau in 45 Jahren Karriere prägte, wird auch hier deutlich. Er fordert denkende Sänger.

"Max Reinhardt verlangte von seinen Schauspielern, in jeder Sekunde des Spiels zu denken. Das müssen wir auch!" ruft er Studentin Dörte zu, die das "leiseste Erinnern" nur im Kopf formen soll, ohne den Ton auszudünnen.

"Ein Glück, diesen Mann zu erleben", befindet Student Vladimir. "Er ist nicht mehr der Jüngste. Die Gelegenheit ist vielleicht einmalig."


DER TAGESSPIEGEL 29.1999-2017

Töne aus dem Tannenwald

Dietrich Fischer-Dieskau gibt öffentliche Gesangsstunden und nimmt sein Publikum mit auf einen Ausflug in die Musikgeschichte

Von Thomas Loy

„Nicht so hopsa, hopsa“, rügt der Meister den Pianisten und hopst zweimal auf der Bühne, zur negativen Veranschaulichung. Nochmal von vorn. „Wie herrlich leuchtet mir die Natur“, frohlockt der Sänger, aber der Meister steht weiter im Dunkeln. „Dein Gesang leuchtet nicht. Riskier was!“ Der Sänger, ach, er gibt sein Bestes. Vielleicht ist seine schmale Brust der Grund, dass die Töne nicht recht funkeln wollen. „Ich merke noch nicht, wie du die Lerche liebst!“ Dann kann der Meister nicht mehr an sich halten. Es bricht aus ihm hervor, Goethes „Mailied“, zart und kraftvoll zugleich. So könnte es sich anfühlen, als Verliebter im Mai. Nur jetzt ist Januar, die Bühne ist schwarz und kahl, das Publikum schweigt und leidet. Christian Schossig, der Gesangsstudent, steht etwas verloren am Flügel, den der Meister, Dietrich Fischer-Dieskau, nur abschätzig „Kasten“ nennt.

Öffentliche Probestunde im Theatersaal der Universität der Künste. Die lebende Legende Dieskau, der als einer der besten Liedinterpreten des 20. Jahrhunderts gilt, hat sieben Gesangsstudenten zu einem vierwöchigen Kurs eingeladen. Vor einem fast ausverkauften Theatersaal müssen sich die Studenten maßregeln lassen. Sie schaffen kaum eine Liedzeile, ohne dass der 78-jährige Dieskau, leger mit Pullover und Lesebrille auf einem Aktentisch hockend, einen falschen Konsonanten gehört hat. Oder eine fehlende Note („Wir wollen alle Noten hören – sind schließlich von Beethoven.“). Auch theatralische Gesten mag er nicht („Wir sind hier nicht im Bolschoi-Theater.“). Wenn der Meister nicht alle Wörter verstanden hat, hat der Sänger schuld. („Wo ist das P geblieben? Es heißt Pflug.“) Dieskau ist streng, aber auch milde. Er überspielt seine Ungeduld, unterhält nebenbei das Publikum mit kleinen Ausflügen in die Musikgeschichte. Die Schüler finden es „wunderbar“, mit ihm zu arbeiten. Das Publikum hofft auf Gesangseinlagen des Meisters, der selbst nicht mehr auftritt.

Mailied-Interpret Christian wird nach einer halben Stunde von seinen Qualen erlöst. Dörte Haring bietet nun das Kontrastprogramm: „Dem Schmerz sein Recht“ von Hebbel, vertont von Alban Berg. Am „Schl“ von „Schlafen“ lässt der Meister noch etwas feilen, dann auch hinten am „fen“ (hauchdünn, wie „fin“, auf keinen Fall „fenn“), aber insgesamt ist er recht zufrieden mit der Melancholie der Darbietung. „Nimm dir mehr Zeit für die Konsonanten.“ Während Haring singt, fährt Dieskau mit einer Hand in die Luft, fängt ihre Klangwellen auf und horcht in sich hinein, ob sie mit seinen Gedanken korrespondieren. „Max Reinhardt verlangte von seinen Schauspielern, dass sie in jeder Sekunde denken – das müssen wir auch. Der Gedanke trifft dann selbst den Ton.“ So unerreichbar einfach ist das mit dem Gesang.

Und dann wird’s doch schwer, kündigt der Meister an. Die Koreanerin Hye-Jae Hwang singt „Auf der Donau“ von Mayrhofer/Schubert. Sie macht es gut, singt sich bedrohlich tief in die „geistergleich rauschenden Tannenwälder“ hinein, doch Dieskau stört sich an ihrem „Halsvibrato“ und am „Bu-hu-sen“ in der nächsten Zeile. „Das muss auch ohne H gehen.“ Bei den Vokalen hört Dieskau ein wenig „Chinesisch“ heraus und fordert ersatzweise mehr „Österreichisch“. Auch Koreanerinnen müssen das können. Dieskau ist schon beim Pianisten und wettert gegen seinen tänzerischen Anschlag. „Das muss lastenschwer bleiben.“ Es handelt sich schließlich um einen Flusskahn, Anfang des 19. Jahrhunderts. Dieskau horcht, schaut ins Publikum und sucht das Burgenland, die Donau, die Tannenwälder. Klingt irgendwie anders.

Öffentliche Probe am Donnerstag und Freitag, 16 Uhr im Theatersaal der UdK, Fasanenstr. 1, Eintritt: 4 Euro. Am Samstag, 31. Januar, um 20 Uhr das Abschlusskonzert.

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