Süddeutsche Zeitung am 05. August 2002

Münchner Merkur 3./4. August 2002

Mit sechs Duos fertig werden

Ein Meisterkurs bei Fischer-Dieskau

Rechts ein quadratischer Tisch, davor ein schlichtes Notenpult, und in der Mitte dominiert der Steinway. So sieht das Podium aus, wenn Dietrich Fischer-Dieskau einen seiner Internationalen Meisterkurse in Gesang abhält. Die Münchner hatten jetzt Gelegenheit ihn als Pädagogen in der Musikhochschule zu erleben, wo er von Dienstag bis Freitag unterrichtete. Anhand von Demo-CDs oder -Kassetten wählte er unter den 16 Bewerbungen aus ganz Europa sechs Duos aus. Eine Anzahl, mit der zu arbeiten, wie er sagt, sich bewährt hat, denn so kann er sich in den wenigen Kurstagen mit jedem Duo immerhin viermal intensiv beschäftigen. Es muss nicht sein, dass Sänger jeder Stimmlage dabei sind. "Ich würde auch mit sechs Sopranistinnen fertig." Ein Problem für Sänger, so seine immer wiederkehrende Erfahrung in den Kursen, sind Stimme und Rhythmus. "Zwei Dinge, die sich oft wiedersprechen, die auch oft vom Komponisten nicht genügend berücksichtigt werden. Das ist eine Hauptfrage, den Rhythmus wirklich als Lebenselement im Lied zu haben. Und das Zweite ist die Aussprache, dass man wirklich versteht, was gesungen wird. Natürlich kommen noch diverse stimmliche Aspekte dazu."

Kaum glaubhaft, wenn man beobachtet, wie sich Fischer- Dieskau für seine Studenten engagiert, dass er bereits 77 Jahre zählt. Der Umgang mit den so unterschiedlichen Sängern und Pianisten erfordert Feingefühl, zumal öffentlich vor Publikum vorgetragen wurde. Freude, Humor und Charme gehören für Fischer- Dieskau dazu. Empfehlungen bei der Liedauswahl gibt er im Vorfeld nicht, da er die meisten Duos noch nicht kennt. Vielmehr wählen die Sänger Lieder, an denen sie dringend arbeiten müssen. Natürlich dabei: Ausschnitte aus Schuberts "Schöner Müllerin" und Schumanns "Dichterliebe". In München zeigte sich eine ziemliche Spannbreite im Niveau: von gerade am Anfang stehend bis künstlerisch bereits sehr weit. In der Regel ließ Fischer-Dieskau erst einmal vortragen, machte Notizen, um anschließend alles teils phrasen- oder taktweise durchzugehen. Er hält sich streng an den Text und bedient sich bei seinen Ratschlägen, wie richtige Klanglaute oder Modulationswechsel zu erzielen sind, einer sehr bildhaften Sprache. Wird von "wild verwachsenen Fichten" mit fehlender Vorstellungskraft gesungen, tendiert er zur Pragmatik: "Schau'n Sie sich doch mal hier in Bayern an, wie die Fichten aussehen."

Gerade die, die schon etwas weiter sind, müssen im Detail unterrichtet werden, da geht's um Feinheiten, beispielsweise im Text um menschlich-philosophische Auslegung. Mit manchen Schülern arbeitet er auch oft weiter. So reisen jetzt zwei Schüler nach Italien mit. Zwei andere folgen ihm nach Schwarzenberg zur "Schubertiade". Da kommen sie laut Fischer-Dieskau auch gleich in Kontakt mit Menschen, die ihnen in Zukunft nützlich sein können. Sein Ziel ist es, in den vier, fünf Tagen eines Kurses Anstöße zu geben, nicht völlig zu verwandeln. "Die Sänger sollen ja nicht als Imitatoren meiner Interpretenschaft herumlaufen, sondern sie sollen schon sich selber entwickeln." Ich muss versuchen herauszufinden, was bei ihnen möglich ist."

Dorothea Hußlein

 

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