Man lache nicht

Dietrich Fischer-Dieskau beleuchtet Goethes theatralische Sendung

Im Januar 1910 entdeckt Gustav Billeter in Zürich Goethes fragmentarische Urform von "Wilhelm Meisters Lehrjahren", den 1777 begonnenen Entwurf mit dem Titel "Wilhelm Meisters theatralische Sendung". Es ist jener unabgeschlossene Theaterroman, der bereits den Kosmos aller Aspekte, Formen und Probleme des Theaters der Goethezeit enthält. Und der zugleich antizipiert, wie Goethe der fehlenden nationalen Einheit nachhelfen wollte: durch ästhetische Erziehung in Gestalt eines Nationaltheaters. 1825, achtundvierzig Jahre nach dem Entwurf dieses ehrgeizigen Dokuments seiner theatralischen Sendung protokolliert, Eckermann Goethes denkwürdiges Fazit: "Ich hatte wirklich einmal den Wahn, als sei es möglich, ein Deutsches Theater zu bilden . . . allein es regte sich nicht und rührte sich nicht und blieb alles wie zuvor."

Es hat sich seit Ludwig Tiecks Negativ-Urteil von 1828 über Goethes Schauspielarbeit in Weimar lange nichts mehr geregt und gerührt an Versuchen einer detaillierten Würdigung dieses Goetheschen Wahns, ein Deutsches Theater zu bilden.

Zum 175. Todesjahr Goethes haben sich nunmehr zwei engagierte Goethe-Liebhaber dieses Themas angenommen. Der Politologe Ekkehart Krippendorff hat nicht nur alle wichtigen theaterbezogenen Schriften und Reden Goethes neu ediert; er plädiert auch für eine erneute Beschäftigung mit den Ergebnissen der Goetheschen Theaterdirektion - ein dringliches Desiderat, das nun erfüllt wird von einem der größten musikalischen Goethe-Interpreten des zwanzigsten Jahrhunderts, Dietrich Fischer-Dieskau. Dessen eigenen Monographien über die Goethe-Liederkomponisten von Carl Friedrich Zelter bis Hugo Wolf ergänzt er mit dieser umfangreichen Intendanten-Biographie Goethes um ein reiches Kompendium der praktischen Arbeit Goethes als Theaterdirektor in der Zeit von 1791 bis zum April 1827. Und es ist jene längste und intensivste Amtszeit Goethes überhaupt, über die immerhin behauptet worden ist, sie sei "in Rang und Wirkung nur der eigenen Dichtung nachgeordnet" (Gero von Wilpert).

Eine Behauptung, die jedenfalls zu einer Neubewertung der Goetheschen Theaterpraxis einlädt und für deren Richtigkeit sich bei Fischer-Dieskau zahlreiche Indizien finden lassen. Es ist vor allem das Verdienst dieser seit Jahrzehnten materialreichsten Darstellung, dass Fischer-Dieskau immer wieder den Blick lenkt auf Goethes Bemühen um das Musiktheater. Nicht zufällig zählt bereits 1794 Weimar zu jenen ersten Bühnen, auf denen Mozarts "Zauberflöte" außerhalb Wiens gegeben wird. In Goethes Hoftheater wird allerdings auch überraschend substantiell eingegriffen in das Libretto. Es gilt, die Oper repertoirefähig zu machen. Goethe favorisiert daher kurzerhand eine dreiaktige Fassung und lässt Schikaneders Freimaurer-Text in eine Familiensaga Sarastros transformieren, in welcher der Untergang seiner Schwägerin (die Königin der Nacht!) konzilianterweise entfällt. Diesen Untergang holt Goethe dann jedoch nach in seinem eigenen Fortsetzungs-Fragment zur "Zauberflöte": "Der Zauberflöte II. Teil."

Diese Eskapaden schildert Fischer-Dieskau besonders eindringlich. Hierzu gehören jene minutiösen Regieanweisungen Goethes, die inzwischen, Anfang dieses Jahres, aus Privatbesitz dem Landesmusikarchiv in Weimar übergeben wurden, darunter Goethes Hinweise zur Ausstattung jenes Drachens, der publikumswirksam in Weimar die Schlange zu Beginn der Zauberflöte zu ersetzen hatte: "Daß der Drache hinten eine Art von Schwanz bekomme, damit er besser aussehe".

Auch dass Goethe als detailversessener Opernintendant ähnliche Sorgfalt dem Theater zukommen lässt, wird von Fischer-Dieskau ausführlich erörtert. So etwa die Schilderung der Goetheschen Pläne zur Erweiterung des alten (ständisch orientierten) Zuschauerraums, der 1798 zum Rangtheater mit demokratischer Sitzordnung mutiert und seine Premiere mit "Wallensteins Lager" von Schiller feiert. Fischer-Dieskau gewährt zugleich überraschende Einblicke in die Innenwelt der Außenwelt dieses neuen Theaters, das unter Goethes Ägide den Rang eines vorbildlichen Sprechtheaters auf höchstem Niveau erreicht; dies verbunden mit einer entschiedenen Förderung der ästhetischen Urteilskraft des Publikums.

Fischer-Dieskau verschweigt auch nicht den erstaunlichen Rigorismus, den Goethe hierbei an den Tag legt: "Wie jetzt meist, sitzt Goethe dann bei der Vorstellung in ausverkauftem Theater auf einem erhöhten Sessel mitten im Parkett, um im Notfall sowohl das Publikum als auch die Bühne zu beeinflussen." Um dann auch tatsächlich - im Fall der Aufführung des "Ion" von Euripides in der Bearbeitung August Wilhelm Schlegels - dem unbotmäßigen Publikum entgegenzudonnern: "Man lache nicht!" Ein Machtwort, das in Weimar nach 1827 von Kennern schmerzlich vermisst wird. Man hatte erfolgreich Goethes Bitte um Entlassung provoziert; gegen sein Verbot war ein dressierter Hund auf der Bühne erschienen.

Mit Goethes Rücktritt fiel denn auch das Weimarer Theater rasch wieder zurück auf das Niveau provinzieller Mittelmäßigkeit. Geblieben ist gleichwohl Goethes Einsicht: "Nichts ist trauriger als der Schlendrian . . . aber auf dem Theater ist es das Allerschlimmste, weil hier augenblickliche Wirkung verlangt wird."

MANFRED OSTEN

 

Feuilleton 27.07.2007, Nr. 172, S. 34 - Literatur

Dietrich Fischer-Dieskau: "Goethe als Intendant". Theaterleidenschaften im klassischen Weimar. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006. 464 S., 20 Abb., br., 15,- [Euro]. Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

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