Himmelstürmenden Geist gefasst

Kritik von Miquel Cabruja, 24.10.2007

Dietrich Fischer-Dieskau : Dietrich Fischer Dieskau singt: Schumann, Schubert, Eisler u.a. Label: Warner classics

Aufnahmen aus dem letzten Jahrzehnt in Dietrich Fischer-Dieskaus Karriere sammelt Warner in einer aufwändig ausgestatteten 6-CD-Box und tut gut daran. Denn anders als bei vielen Sängern, die das Verfallsdatum ihrer Stimme am Ende ihrer Laufbahn überschritten, war bei Dieskau, dem ‘bedeutendsten Sänger des Jahrhunderts’ (Zitat von Leonhard Bernstein) auch der sängerische Spätherbst voller Sonnentage. Einerseits verfügte FiDi, wie seine Fans ihn nennen, noch über den Großteil seiner stimmlichen Möglichkeiten, andererseits wusste der Bariton genau, wie er schärferes Timbre und durchscheinenderen Stimmkörper mit interpretatorischem Geschick und gestalterischem Geschmack einsetzen konnte. In den letzten Jahren vor seinem Rückzug entstanden damit Aufnahmen, die zu den eindringlichsten Dokumenten einer Diskographie zählen, die mit zahllosen Opernrollenportraits und schätzungsweise über 3000 Liedaufnahmen enzyklopädische Ausmaße hat.

Das idealtypische Timbre

Den trockener gewordenen Klang seiner Stimme setzte Dieskau mit bemerkenswertem Bewusstsein ein. Besonders überzeugend gelang es ihm, das idealtypische Timbre eines klassischen französischen Baritons zu suggerieren. Auf der CD des vorliegenden Schubers, die dem französischen Lied gewidmet ist, schöpft Dieskau aus dem Vollen. Er nutzt die Bandbreite seiner Klangfarben wie ein Maler, schmeichelt, säuselt und gurrt (Chabrier: ‘L’île heureuse’), gestaltet Bizets ‘La Chanson du fou’ mit herrlichen Effekten in der Kopfstimme und tappt dennoch zu keinem Zeitpunkt in die Falle des oberflächlichen Effekts und des vordergründigen Kitsches. Ein unbestechlicher Blick für die großen Linien der Lieder (Franck: ‘Le Mariage des roses’), gestalterische Imaginationskraft (Saint-Saens ‘La Cloche’) und eine geradezu erstaunliche Begabung für das französische Idiom paaren sich auf dieser Aufnahme mit absoluter Textverständlichkeit.

Differenziert und Tiefsinnig

Textverständlichkeit und Stilsicherheit kennzeichnen auch die CD mit Lieder und Balladen von Carl Loewe. Dank intellektueller Gestaltungskraft und stilsicherer Maßhaltung werden selbst politische und kriegerische Balladen wie ‘Fridericus Rex’ und ‘Das Wunder auf der Flucht’ zu differenzierten und tiefsinnigen Darstellungen, weil Dieskau diese nicht allein auf Effekt berechnet, sondern reflektierte Interpretationen abliefert. Das religiöse Moment nach dem Evangelium des Johannes in ‘Ich bin gute Hirte’ schildert der erfahrene Bach-Interpret Dieskau bewegend, ohne in süßliche Frömmigkeit abzugleiten.

Bestechende Klanggesten

Die Bedeutung Fischer-Dieskaus für die musikalische Moderne spiegeln zwei CDs, in denen der Sänger Musik des 20. Jahrhunderts interpretiert. Den spröden Liedern der ‘Suite auf Verse Michelangelo Buonarrotis’ von Dimitri Schostakowitsch verleiht Dieskau knisternde rhetorische Präsenz. Mit unbestechlichem Instinkt fühlt er sich in die harte Klangsprache ein, lotet die klagenden Phrasen aus und fasst den himmelsstürmenden Geist des Renaissance-Giganten in bestechende Klanggesten. Als ein Kenner der Moderne zeigt er sich auch in den Michelangelo-Liedern Aribert Reimanns, die auf dieser Aufnahme von Aribert Reimann selbst kongenial am Klavier begleitet werden.

Faszinierende Wirkung

Aribert Reimann begleitet auch auf der CD mit Liedern Hanns Eislers. Durch gelassene Souveränität, deklamatorische Überlegenheit und liedgestalterischen Formenwillen verleiht Fischer-Dieskau diesen Liedern, in denen er gekonnt mit den Anspielungen auf Schumann und Schubert spielt, eine faszinierende Wirkung. Gerade den bekannteren Werken wie ‘An den kleinen Radioapparat’ nähert er sich so auf einer Ebene, die anderen Sängern oft versagt bleibt.

Dieskaus Kernrepertoire

Auf weiteren zwei CDs tritt Dieskau, der in seiner langen Karriere förmlich zum Inbegriff des deutschen Liedes wurde, mit seinem Kernrepertoire in Erscheinung. Eine Live-Einspielung zeigt Dieskau als den bedeutenden Schumann-Interpreten mit dem Liederkreis, der Dichterliebe und weiteren Liedern. Eine weitere CD ist das Dokument eines Schubert -Abends aus Nürnberg mit Liedern wie ‘Der Wanderer’, ‘Der Zwerg’, ‘Abschied’ oder ‘ Der Einsame’. Das Videodokument dieses Liederabends stellte übrigens der französische Filmemacher Bruno Monsaingeon her und gab es als Bonus zu seinem DVD-Portrait ‘Autum Journey’ dazu. (klassik.com berichtete) Mit Hartmut Höll, Pianist aller Aufnahmen, mit Ausnahme der von Reimann begleiteten CDs, steht Dieskau auch für das klassische Repertoire ein intelligenter und expressiver Partner zur Seite.

Keine Konzessionen

Diese Sammlung auf sechs CDs ist kein wehmütiger Blick auf das Ende einer Karriere. Sie zeigt, dass Dietrich-Fischer Dieskau wohlüberlegt zu einem Zeitpunkt von der Bühne zurücktrat, bevor seine Stimme ihn dazu gezwungen hätte, Konzessionen an das zu machen, was ihm bei seinen Interpretationen am wichtigsten war: Ausdruck und Vermittlung von Inhalten. Diese Box zeigt, dass Dieskau, dem es immer um die Seele der Musik ging, bis zuletzt seinem Motto treu blieb: ‘Die Musik soll durch den Musiker wirken, nicht der Musiker durch die Musik.’ Ein wichtiges Dokument – nicht nur für Fans.

Kritik von Miquel Cabruja, 24.10.2007

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