Zum Liederabend am 25.(?) April 1964 in Köln


     

     Kölner Rundschau, 28. April 1964     

     

Vergessene Magelone

Fischer-Dieskau sang den Tieck-Zyklus von Brahms

      

Dietrich Fischer-Dieskau ist ohne Zweifel das stärkste stimmliche und gestalterische Talent, das nach dem Krieg auf den deutschen und europäischen Konzertpodien erschien. Er "kann" schlechthin alles, und er hat alles gesungen, was in seinen Stimm- und Ausdrucksbereich gehört, von Bach bis Schönberg, Fortner und Henze. Mühelos meistert er jede Nuance der Gesangstechnik, mit einem intuitiven Erfassen von Wort und Ton zieht er die lyrische Gesangslinie aus oder prägt Dramatisches. Das Schönste, Rühmenswerteste an ihm ist seine Kompromißlosigkeit.

Er bewegt sich als Interpret auf der geistigen Ebene, auf der im Lied das Zyklische gedeiht. Es gibt keinen Liedzyklus, den er nicht gesungen hätte, von Beethovens Ferner Geliebten bis zu modernen Autoren. Wer Schuberts Winterreise und Schöne Müllerin von ihm gehört hat, der kennt die unvergleichlich tiefe Wirkung dieses eminenten Sängers, der genau das ist, was er mehr ist als Sänger: ein Künstler der Wahrheit, der menschlichen Wahrhaftigkeit.

Indem er jeglichen Publikumsgeschmack verachtet, erzieht er das Publikum. Wie fern er dem populären Geschmack steht, zeigte sein jüngster Kölner Liederabend im Gürzenich. Er sang den abgelegensten aller klassisch-romantischen Liederzyklen, die Sammlung von fünfzehn Romanzen, die Brahms aus Tiecks Magelone vertont hat. Zu Brahms’ Lebzeiten, als der berühmte Konzertbariton Julius Stockhausen den ihm gewidmeten Magelone-Zyklus durch die Konzertsäle trug, fand man milde Entschuldigungen dafür, daß diese Liedsammlung wegen ihres literarischen Anspruchs noch nicht gleichberechtigt neben den Zyklen von Schubert und Schumann genannt werde.

Hat sich darin bis heute etwas geändert? Oder kann man sagen, daß die "Wundersame Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter aus der Provence", die Ludwig Tieck in seinem "Phantasus" veröffentlich hat, inzwischen, wenn nicht populär, so doch Bildungsgut geworden sei? Davon kann keine Rede sein. Dieser Zyklus blüht ganz im Verborgenen, und er lebt für die Lebenden nur, weil ein Fischer-Dieskau auf dem Podium steht.

Eigentlich sind es gar keine Lieder, sondern großangßlegte Konzertszenen, oft halb opernhaft, halb episch-oratorisch und merkwürdig uninspiriert, wo sie objektiv schildern wollen. Fischer-Dieskau verschwendet daran seinen ganzen Ausdrucksreichtum und zwingt damit das Publikum unfehlbar in seinen Bann. Daß er ein gefeierter Opernsänger geworden ist, merkt man an den stimmlichen Entladungen, die aus der intimen Lyrik ausbrechen und die zerbrechlichen Proportionen des Liedes zerstören. Am Flügel, wie immer, der ausgezeichnete Günther Weißenborn. Begeisterungsstürme im überfüllten Saal.

E.


  

     Kölner Stadt-Anzeiger, 30. April 1964     

    

Von der schönen Magelone

Dietrich Fischer-Dieskau sang im Gürzenich

    

Sein Name fehlt im größten deutschen Musiklexikon der Gegenwart. Also flicht die Mitwelt dem Interpreten keine Kränze? Sie tut’s: In Amerika sind die Konzertsäle genauso ausverkauft wie in London, Wien, Paris und letzthin in Köln. Dietrich Fischer-Dieskau – worauf beruht die Anziehungskraft, die Faszination dieses noch immer jungen Sängers?

Er ist kein Jung-Siegfried-Typ wie Hermann Prey, kein Podiums-Charmeur wie Gigli. Er wirkt schlicht, ernster als früher, aber noch immer parzival-jungenhaft. Sein Geheimnis: Er gibt dem größten Konzertraum das Fluidum des Intimen, er verwandelt sich in Musik, analog dem chinesischen Maler der Sage, der in sein Bild hineinwandert und darin verschwindet. Die Zuhörer werden mitverwandelt; ihr Beifall ist anders als bei anderen, er kommt aus der Betroffenheit des Herzens.

Nicht die schöne Stimme allein macht den echten Sänger, sondern erst die geistgeprägte Gestaltung. Es ist kein Zufall, daß Fischer-Dieskau die "Wundersame Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter aus der Provence" (vom Weltmann aus Berlin, Ludwig Tieck) auf Schallplatten g e s p r o c h e n hat. Brahms’ Zyklus "Die schöne Magelone", Op. 33, der die Romanzen dieser Geschichte zusammenbindet, kann nur aus dem Geist des Wortes durch das Medium der Musik Klang werden. Sonst wäre es nichts als tönendes Erz und klingende Schelle. Die fünfzehn Lieder der schönen Magelone sind in melancholische Schatten getaucht. Fischer-Dieskau durchschritt sie in einer unerschöpflichen Skala von Übergängen zwischen Holzschnittherbheit, Farbenweichheit, Traumentrückung und innerer Glut.

Bis in die letzte Saalreihe klang der Hauch seines Pianissimos: Das stärkste Forte hatte immer noch einen Rest Verhaltenheit. Der Sänger schien sich selbst zu lauschen, im Hall den Nachhall einzufangen.

Günther Weißenborn am Flügel hatte die Kraft, nicht nur Begleiter, sondern Mitgestalter zu sein. Nach Brahms’ Willen gab er nicht dezenten Klanguntergrund, sondern kräftigen Kontrapunkt, in den ersten zwei Liedern vielleicht etwas zu stark. Nie verwischte er die männlichen Konturen des Werkes.

Ärgerlich waren die Erhöhung der ohnehin schon hohen Programmpreise und der Publikumseinlaß während (!) der Lieddarbietungen. Vier Brahms-Zugaben für ein Publikum, das sich der Erlesenheit der Stunde bewußt war.

Dr. Johs. Schwermer

 

 

 

 

       


 

zurück zur Übersicht   1984