Zum Liederabend am 4. November 1961 in Hagen

Westfälisches Tageblatt, Hagen, 6. November 1961

Meister verhaltener Stimmungszeichnung

Fischer-Dieskau sang als Gast der Wesselmann-Direktion

Zum ersten Male hörten die Hagener Musikfreunde einen der größten Liedersänger der Gegenwart, Dietrich Fischer-Dieskau, auf dem heimischen Podium. Der Dank für diese Begegnung gilt der Konzertdirektion Wesselmann, die aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens zu diesem festlichen Ereignis in das Stadttheater eingeladen hatte. Die Besucher feierten den prominenten Gast und nicht minder den beispielhaften Begleiter am Flügel, Günther Weißenborn, mit anhaltenden Ovationen und mit Blumengaben; der immer wieder aufrauschende Beifall bat um Zugaben, die gewährt wurden. Der Liederabend stand ganz im Lichte der Romantik; neben sechs Sätzen aus dem Schubertzyklus "Der Schwanengesang" erlebte man Robert Schumanns Opus 48 "Dichterliebe".

Das Geheimnis der bezwingenden Wirkung, die von der Interpretation Dietrich Fischer-Dieskaus ausgeht, liegt im Wunder einer sublim und souverän beherrschten Mezza-voce-Technik: klangvoll, biegsam und von einer ungewöhnlichen Fähigkeit, die Tonfarbe durchsichtig abzustufen. Lyrische Empfindungen werden ebenso unmittelbar und glaubhaft ausgedrückt wie dramatische Spannungen. Und immer bleiben das Artifizielle, die auf ein Höchstmaß getriebene Perfektion, im Hintergrund: Sie bilden nur das Fundament für das Atmosphärische, für das Klare, das Unverfälschte und für die packende Sinndeutung, die aus dem Verständnis des literarisch-geistigen Inhalts erwächst.

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Dietrich Fischer-Dieskau ist ein Meister der verhaltenen Stimmungszeichnung. Sein Pianissimo trägt den Zauber verhauchender Zartheit. Seine verfeinerte Sprachzucht modelliert die Textsilben zu müheloser Deutlichkeit. Das Bild rundet sich, wenn man den Künstler beobachtet; seine Mimik, seine sparsamen Gesten identifizieren sich mit dem Gehalt der Vorlagen. Alles das vereint sich zu einer anrührenden Intensität, die – wie an diesem Abend – die Welt der Romantik nicht historisierend, sondern lebensvoll in das Heute strahlen läßt.

Der Schubertsche "Schwanengesang"-Zyklus ist keine originale Bearbeitung. Der Verleger stellte diese Reihe erst nach dem Tode Schuberts zusammen. Die Lieder überzeugen gleichermaßen durch ihren Reichtum an melodischen Einfällen, durch flutende Bewegtheit wie durch tiefe Innerlichkeit. Seelische Situationen, zu einer Perlenkette von Einzelstimmungen aneinandergereiht, geben auch der "Dichterliebe" Schumanns das wehmütig-poetische Gepräge, aufgelockert etwa durch das glänzende vokale Scherzo "Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne...", durch die larmoyante Ironie des "Jünglings, der ein Mädchen liebt" oder durch den hintergründigen Humor in "alten, bösen Liedern". Jede Nuance auf dieser Palette trifft Fischer-Dieskau mit konzentrierter Echtheit.

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Der Erfolg des Abends entwickelte sich aber auch aus dem engen Miteinander des Solisten und seines Begleiters Günther Weißenborn. Denn die Funktion des Klaviers ist bei diesen Liederkreisen grundlegend und wesentlich. Dieser künstlerischen Gleichberechtigung in der Gestaltung des Begleitungsparts kam Weißenborn elastisch und mit behutsamer Durchleuchtung makellos nach.

w--

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