Zum Liederabend am 2. November 1961 in Stuttgart

Stuttgarter Zeitung, 6. November 1961

Kammerkunst der Worte und Töne

Liederabend mit Fischer-Dieskau

Was kaum einem anderen Liedersänger gelingt, den Beethovensaal bis in den letzten Winkel mit seiner Stimme zu füllen, den Raum vergessen und die Zeit stillestehen zu lassen, das erlebten wir im Liederabend von Dietrich Fischer-Dieskau. Der Einwand, der kammermusikalischen Intimität des Liedes werde in einem großen Saal Abbruch getan, gilt bei Fischer-Dieskau nicht. Sein Bariton schwebte scheinbar losgelöst im Raum, die Töne kamen ganz natürlich aus Worten und die Worte aus Tönen in einer innigen Wechselwirkung und Zusammengehörigkeit.

Diese Kammerkunst der Worte und Töne demonstrierte Dietrich Fischer-Dieskau an Liedern von Schubert und Schumann nach Texten von Heinrich Heine. Die vollendete Gestalt des Liedes in Schuberts Heinegesängen und in Schumanns "Dichterliebe" wurde durch die nachschaffende Kunst des Sängers in kaum zu übertreffender Reinheit und Vollkommenheit dargeboten. Jedes Lied Schuberts war eine Überraschung. Die Steigerungen in "Ihr Bild" waren nicht künstlich gewollt, sondern ergaben sich aus dem innersten Sein des Liedes; die fahle Beleuchtung in Heines "Der Doppelgänger" wurde jäh zerrissen von der Liebesqual des einsamen Menschen.

Erdachtes Leben und gelebtes Leben flossen in Fischer-Dieskaus Darstellung in eins zusammen, und es ist sein Geheimnis, die Stelle zu finden, wo sich Kunst und Leben begegnen. Wie sehr auch Fischer-Dieskau das Schweben des Heineschen Liedes zwischen Intellekt und Gefühl entgegenkam, wie sehr er den rasch wechselnden Seelenlandschaften der Miniaturen der "Dichterliebe" nachspürte, indem er den Wandel von sensibler Zartheit zu abgründigem Schmerz, von innigem Gefühl zu Trostlosigkeit glaubhaft machte: immer wurde das Lied in einer Natürlichkeit und Einfachheit Gestalt, bei der die Superlative der Anerkennung verblassen. Selbst da, wo Fischer-Dieskau Tempi beschleunigte oder dehnte, hatten wir das Gefühl, daß es so sein müsse.

Günther Weißenborn folgte am Flügel der Ausdeutung des Sängers, ohne jemals die Eigenbedeutung des Klavierpartes zu übersehen. Die begeisterten Hörer spendeten Ovationen des Dankes.

wf


 

Stuttgarter Nachrichten, 4. November 1961     

   

"Moderne" Romantik

Dietrich Fischer-Dieskau singt Heine-Lieder

   

Man möchte jeden Bericht über Dietrich Fischer-Dieskaus alljährliche Liederabende in Stuttgart mit einem "wieder" beginnen, weil die Wiederkehr der gleichen Begleitumstände so charakteristisch ist für die gleichbleibende Einzigartigkeit dieses Künstlers: wieder füllte er mit einem kurzen, konzessionslosen Stilprogramm den riesigen Beethoven-Saal, wieder mußten selbst auf der Bühne Sitzplätze eingerichtet werden, wieder stürmten am Schluß die begeisterten Zuhörer schier das Podium, wieder hatte er Außerordentliches, schlechthin Vollendetes geboten.

Er hatte seinen Abend unter das einende Zeichen Heinrich Heines gestellt: den sechs letzten Heine-Liedern Schuberts folgte der Zyklus "Dichterliebe" aus Schumanns Liederfrühling. Musikalisch sind die Vertonungen des jüngeren und des älteren Komponisten Meisterwerke ihrer Art, über die sich jedes Wort erübrigt, die tiefen, todesbeschatteten Schuberts wie die gefühlvolle Jünglingslyrik Schumanns. Die zugrunde liegenden Gedichte hingegen sind ungleichwertig: der Zugang zu den Blümlein und üppig fließenden Tränen der "Dichterliebe" ist Menschen unserer sentimentfeindlichen Zeit wahrhaftig nicht mehr leicht. Erst aus dieser Erkenntnis ermißt man die ganze Größe von Fischer-Dieskaus Interpretation. Man kann nicht sagen, daß die zarten Miniaturen der "Dichterliebe" weniger gefesselt hätten als die düstere Vision der grauen Stadt oder der grandiose "Doppelgänger"; ja, vielleicht gab er, der in Schuberts "Am Meer" berückenden Belcanto strömen ließ, in den textlich so simplen Traum-Liedern des Schumann-Zyklus das Allerbeste: sie erschienen tiefenpsychologisch durchleuchtet, allen biedermeierlichen Goldschnitts entkleidet, "modernem" Empfinden zugänglich. Fischer-Dieskaus Kunst entrückt das Romantische jedem Zeitbezug. Wenn man ihm lauscht, ziehen nicht allein die Töne der beiden großen Liedmeister in Bann, man folgt auch, geradezu mit Spannung, den Versen (von denen man dank seiner vorbildlichen Aussprache jedes Wort versteht). Man erlebt das romantische Lied als Gesamtkunstwerk, weil es der Sänger selbst im Innersten erlebt hat und dies mitzuteilen versteht.

Die Ausdrucksmittel, über die er dabei verfügt, sind oft genug gerühmt worden: die Kunst, durch Stimmfärbung zu charakterisieren (in Schumanns "Am leuchtenden Sommermorgen" versteht er sogar die Blumensprache), die Schmiegsamkeit der mezza voce, die traumwandlerische Sicherheit, mit der er Tempo, Atmosphäre, große Linie und subtilste Einzelheit trifft. Sein Gesang ist heute vollkommen und vollendet – eine bei seiner Jugend fast beängstigende Perfektion. Hat man jedoch die hingegebene Spannung erlebt, mit der er sich in jedes der von ihm schon hunderte Male gesungenen Lieder versenkt, so braucht einem nicht bange zu sein, daß er in Routine verfallen könnte. Seine Kunst zieht ihre tiefsten Kräfte aus dem Wurzelboden des Ergriffenseins. Darin liegt ihr innerstes Geheimnis.

Ho

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