Zum Liederabend am 31. Oktober 1961 in Heidelberg

Heidelberger Tageblatt, 3. November 1961

Vollendete Liedgestaltung

Das zweite Heidelberger Meisterkonzert mit Dietrich Fischer-Dieskau

Fast eine ganze Stunde feierte das Heidelberger Publikum am Dienstagabend den wohl bedeutendsten deutschen Sänger unserer Zeit: Dietrich Fischer-Dieskau. Wie man nicht anders erwartet hatte, war die Stadthalle bis auf den letzten Stehplatz besetzt.

Die enthusiastische Begeisterung kannte keine Grenzen; immer wieder mußten Fischer-Dieskau und sein Begleiter Günther Weißenborn auf die Bühne kommen, bis die Reihe von sieben Zugaben mit der "Mondnacht" ihren krönenden Abschluß fand.

Nur wer das Glück hat, Fischer-Dieskau schon mehrere Male öffentlich gehört zu haben, kann eigentlich richtig ermessen, welch’ einmalige künstlerische Erscheinung dieser Sänger ist. Wer ihm zum ersten Male begegnet, wird ihm staunend und bewundernd zuhören und zugeben müssen: Das schönste Instrument ist und bleibt die menschliche Stimme! Natur und Kunst, Geist und Fleiß ergänzen sich in Fischer-Dieskaus künstlerischem Wesen zu höchster, reinster Vollendung. Seine Liederabende, die Auswahl der Darbietungen, sind vom ersten Lied bis zur letzten Zugabe geistig durchdacht. Meistens widmet er sich einem bestimmten Komponisten oder einem größeren Zyklus; auch das Heidelberger Programm wahrte diese geistige "Linientreue" durch die ausschließliche Wahl von Texten Heinrich Heines in Vertonungen Franz Schuberts (sechs Lieder aus dem "Schwanengesang", den letzten Liedschöpfungen des Meisters) und Robert Schumanns ("Dichterliebe"). Bereits mit dem ersten Lied, dem "Atlas", hatte Fischer-Dieskau den Zuhörer durch seine erregend dramatische Gestaltung in seinen Bann gezogen. Das Melodische wird völlig auf den rein poetischen Ausdruck konzentriert, jedes einzelne Wort erhielt hier seine Ausdeutung.

Nach jedem Lied folgt bei den Konzerten von Fischer-Dieskau eine spannungsgefüllte Pause, in der er den Hörer stets aufs neue zu größter Konzentration zwingt. Ja, er erzieht förmlich sein Publikum zu innerer lebendiger Anteilnahme am Kunstwerk. Mit welch’ bewundernswerter Schlichtheit sang er beispielsweise das "Fischermädchen", wie plastisch wirkte die für Schuberts Verhältnisse harmonisch außerordentlich kühn angelegte "Stadt"! Den Höhepunkt des ersten Teils bildete "Der Doppelgänger". Gern hätte man ihn noch ein zweites Mal hören mögen, denn die Ausdrucksgewalt, die Schilderung des gespenstig grauenhaft hellen Mondscheins und das Entsetzen eines dem Wahnsinn nahen Menschen war hier so grandios, daß man sie kaum in ihrer Vielfältigkeit auf einmal aufzunehmen vermochte. Das ist wirklich vollendete Gesangskunst, bei der alles so mühelos, so selbstverständlich, so unfaßbar erscheint.

Schumanns Liedstil ist in seiner Vereinigung mit Heines Lyrik am reinsten und vollkommensten ausgebildet. Das Hohelied der schwärmerischen Liebesglut hat in der "Dichterliebe" wohl seinen schönsten Niederschlag gefunden: der Sprachakzent wird ganz in der Gesangsmelodie lebendig, die sich in enger, sinnvoller und erschöpfender Anlehnung an das Wort offenbart. Was Fischer-Dieskau hier an Gesangskultur bot, suchte seinesgleichen. Alle seelischen Regungen zwischen dem tiefen, trostlosen Schmerz ("Ich grolle nicht") einerseits und dem Galgenhumor ("Ein Jüngling liebt ein Mädchen") andererseits, wurden in musikalischer und geistiger Vollendung dargebracht.

Günther Weißenborn nahm durch seine makellose, enorm anpassungsfähige Begleitung ein. Gerade in der "Dichterliebe" spielt das Klavier ja eine entscheidende Rolle, schon durch die zahlreichen längeren Nachspiele, die dem dichterischen Wort gleichsam eine letzte inhaltliche Deutung geben. In diesem Sinne erwies sich Weißenborn als idealer Begleiter von hoher musikalischer Intensität.

Ein Abend, den man nicht vergessen wird, geschweige denn seinen großen Interpreten, der der musikalischen Welt immer wieder Unschätzbares schenkt.

Günther vom Hagen

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