Zum Liederabend am 29. Oktober 1961 in Frankfurt

Frankfurter Rundschau, 31. Oktober 1961

Die Verführung der Subtilität

2. Meisterkonzert mit Dietrich Fischer-Dieskau

Unter den deutschen Sängern ist der ruhmreiche Bariton Dietrich Fischer-Dieskau in einer ebenso vielbeneideten wie heiklen Lage. Ein Karikaturist zeichnete ihn einmal als "Denkmal des deutschen Liedes" und wies damit auf die geradezu legislative Gültigkeit hin, die immer wieder von seinem Gesangsvortrag erwartet wird. Die Musikfreunde sehen Fischer-Dieskaus Kunstausübung in olympischen Höhen – weit den Alltag überragend, der seinen Kollegen zugemessen ist -, und es erscheint schwer bis unmöglich, solchen Tendenzen der Vergötterung auf die Dauer zu entsprechen. Um so mehr, als dieser Sänger ja noch jung ist. Er hat, so meinen wir, ein Recht darauf, sich weiterzuentwickeln und damit auch einmal mehr oder weniger von dem Idealbild zu entfernen, das er selber aufstellte.

Solche Gedanken konnten bei seinem Frankfurter Abend mit Heine-Liedern aufkommen, dem 2. Meisterkonzert im Gesellschaftshaus im Zoo. Die äußeren Umstände waren nicht die günstigsten. Schon allein deshalb, weil auf dem Programm die Liedertexte abgedruckt waren und nun sämtliche Hörer mit schöner Gleichmäßigkeit und gewaltigem Rascheln die Seiten umblätterten. Dergleichen muß jeden Künstler aufs empfindlichste stören. Es bedürfte jedoch prophetischer Gaben, um die Einflüsse solcher Gegebenheit auf die Leistung eines Solisten genau abzuwägen.

Halten wir uns daher an die Eindrücke des Konzertes. Das Zusammentreffen von Fischer-Dieskaus musikalisch ernster Wägekraft mit der bittersüßen, oft von Weltschmerz und Ironie gezeichneten Lyrik Heines mochte von vornherein vielversprechend sein. Die Lieder aus dem "Schwanengesang", in denen Schubert den Dichter teils naiv auffaßt, teils zu neuer Bedeutsamkeit erhöht, zeigten zwar die Noblesse und die von gewinnenden Samttönen getragene Skala des großen Sängers, brachten aber keine volle Erfüllung. Gewiß – Fischer-Dieskau hat die dramatische Energie für den "Atlas", er zieht fein gezeichnete Legato- und Pianobögen, doch gerade diese letzten entbehren oft der Spannung und des gliedernden Skeletts der Konsonanten. Prachtvoll der Beginn des "Doppelgängers" mit den nächtlich fahlen Klangfarben, dafür fehlte diesmal die Macht der Steigerung, und warum der Künstler bei einem solch formbetonten Stück das Tempo plötzlich anzieht oder unwichtige Nebensilben hervorhebt, bleibt unerfindlich.

Der Verführung, die seine Subtilität, seine vielgerühmte Gabe zumal, eine bezaubernde mezza voce zum Darstellungsmittel zu erheben, zweifellos ausübt, erlag er auch ein wenig in der "Dichterliebe". Der Zyklus erschien sehr schwebend und weich, mehr Fischer-Dieskau als Schumann. Das frische Mezzoforte des "Aus alten Märchen winkt es" wird ins Piano umgebogen, und man stellt mit Überraschung fest, daß der so unwahrscheinlich musikalische Sänger über Pausenwerte hinwegsingt, im Zeitmaß recht eigenwillig ist und etwa Ritardandi früher beginnt, als sie vom Komponisten vorgeschrieben sind. Jedoch, wir sagten es schon, ein Künstler hat – solange er als Mensch vorwärtsstrebt – die Berechtigung, "auf dem Wege" zu sein.

Zudem blieb auch hier trotz allem ein Abglanz hoher Schönheit. Die unnachahmliche vokale Schlußwendung der "bösen, alten Lieder" hält sich im Ohr, und der Ausklang wäre bezwingend gewesen, hätte der sehr gute Pianist Günther Weißenborn mehr Sensitivität für das herrlich poesievolle Klaviernachspiel gehabt. Nimbus und Abendleistung Fischer-Dieskaus garantierten aber auch so jene stürmische Huldigung, wie sie nur wenigen Großen im Konzertsaal zuteil wird.

Hermann Hessler

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