Zum Liederabend am 27. Oktober 1961 in Darmstadt

Darmstädter Echo, 29. Oktober 1961

Das romantische Espressivo

Dietrich Fischer-Dieskau sang zwei Schumann-Zyklen in der Stadthalle

"Kerners Gedichte, die mich durch jene geheimnisvolle überirdische Kraft, die man oft in den Dichtungen Goethes und Jean Pauls findet, am meisten anzogen, brachten mich erst auf den Gedanken, meine schwachen Kräfte zu versuchen, weil in diesen schon jedes Wort ein Sphärenton ist, der erst durch die Note bestimmt werden muß." So schrieb der 18 Jahre alte Robert Schumann, Leipziger stud.jur., wohnhaft auf dem Brühl Nr. 454, erste Etage, an den Braunschweiger Kapellmeister Gottlieb Wiedebein, als er dessen erstes Heft der Kerner-Lieder in den Händen hielt und "mit Sehnsucht" einem zweiten Heft weiterer Lieder entgegensah, "denen Ihre sanften, weichen, wehmütigen Akkorde erst den schönsten Text und die tiefste Bedeutung geben können". Erst viele Jahre später, in der ersten Zeit glücklicher Gemeinschaft mit der geliebten Clara, im Liederjahr 1840, fügte Schumann eine "Liederreihe" aus dem Werk des schwäbischen Dichters zu einer Novelle zusammen, wie wenig später den Liederkreis nach Eichendorff, jeweils zwölf Gesänge, um "das Gedicht mit seinen kleinsten Zügen, im feineren musikalischen Stoff nachwirken" zu lassen. Dieses wehmütige Nachwirken, das "vor dem rauhen Zugriff vor der Wirklichkeit krank verlischt" hüllt er in ein romantisches Espressivo, das, in dieser glücklichen Zeit, wie eine Vorahnung kommenden Leids erscheint. Es sind künstlerische Ausformungen voll schwärmerischer Empfindsamkeit, von romantischer Weltschau, die in ihrem Sphärenton zu deuten, zu singen und zu spielen, aber auch zu hören, nach 120 Jahren kein Leichtes ist.

Diese Zyklen setzen Interpreten von hohem Rang und eine Hörgemeinschaft voraus, die den spezifischen Ton dieser Lyrik als Form und Inhalt mitzuerleben bereit sind. Und müssen wir sagen, daß dieser Liederabend am Freitag in der überfüllten Stadthalle den Stempel des Einmaligen, des Besonderen, der Vergegenwärtigung romantischer Empfindung und einer zeitlos gültigen, bewegenden Darstellung hatte?

Der Kenner weiß, was es bedeutet, wenn Dietrich Fischer-Dieskau singt und mit Günther Weißenborn am Flügel musiziert. Es ist ein Ereignis, das, inspiriert von dem Sänger, Raum und Zeit vergessen macht, das jene einmalige Kunst aus ihrer Fülle und Vieldeutigkeit vorbehaltlos ausschöpft, weil Empfindung und Kunstverstand aufgegangen sind in dem, was in Tönen die Herzen bewegt und erschüttert. Das Helldunkel der Empfindungen, der romantischen Bilder ist in unsere Wirklichkeit gestellt, so, daß es vor dieser Musik kein Entrinnen gibt, daß alle etwa möglichen Vorbehalte hinwegschmelzen.

Das Berichten, das Beschreiben einzelner Momente könnte den inneren Ablauf kaum andeuten, wäre ein Herausgreifen von Einzelheiten, die den Zusammenhang sprengen. Doch wenn in der "Mondnacht" aus dem zarten Schweben plötzlich das helle "so sternklar war die Nacht" aufbricht, so ist es, als ob ein unheimliches Leuchten sich auftut oder im "Trinkglas" die Trauer um den Freund greifbare Gestalt annimmt, im "Stirb, Lieb’ und Freud’" das Zerbrechen des Herzens vernehmlich wird. Die Vielgestalt von "mezza voce", Färbung des Tones, Prägnanz der Wortgestaltung bis in hohe Tenorlagen und Tiefen des Basses stehen Dietrich Fischer-Dieskau so selbstverständlich zu Gebote, daß sie vieles, was den Hörern aus seinen zahlreichen Schallplatten vertraut ist, nun noch ungleich präziser, erfüllter erleben lassen. Es läge nahe, dieses vertiefende Eindringen an Einzelheiten zu belegen, auch wie Günther Weißenborn den Gefühlsausdruck der Worte in Schumanns unvergleichlichen und unerreichten Nachspielen ausschwingen läßt oder in "Alte Laute" die melodischen Bögen voller Licht und Zartheit gegen das Rezitativische des schwebenden Wortes stellt, da ist das romantische Espressivo des Schumannschen Melos vollkommene Wirklichkeit geworden, eine Wirklichkeit aus einer großen Vergangenheit, die in solch inspirierter, erfüllter Deutung unvergeßlich ist.

Atemlose Spannung herrschte, trotz des im Pianissimo manchmal peinlich störenden Gestühlgeknarrs, in der Stadthalle, und nur allmählich löste sich die Spannung in dankbaren Applaus, der mit einem kostbaren Halbdutzend Zugaben kaum beschwichtigt werden konnte, unter ihnen Heines "Du bist wie eine Blume" und Goethes "Talismane". Es war ein Schumann-Abend, der das Poetische und Romantische in seltener einzigartiger Vollkommenheit in sich beschloß.

(GAT)

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