Zum Liederabend am 25. Oktober 1961 in Bonn

Bonner Rundschau, 27. Oktober 1961

Stimmtechnisch bester deutscher Sänger

Dietrich Fischer-Dieskau sang Schumann-Lieder in der Beethovenhalle

Auf dem Parkplatz vor der Beethovenhalle war kein Platz mehr zu finden, man saß im Saal in dichten Reihen auch noch auf dem Podium, man drängte nach dem Konzert nach vorne, um weitere Lieder zu erbitten – "man" war im Konzert des berühmten Fischer-Dieskau.

Es gibt offenbar kein Problem der Gesangskunst, das Fischer-Dieskau nicht mit künstlerischem Arbeitsernst löste – außer der schwierigen Frage, wie bei solcher Perfektion und diesem wachen Kunstverstand noch herzenstiefe Begeisterung möglich sei. Die stimmtechnische Meisterschaft ist nicht mehr zu steigern: das Verlagern der Resonanzräume, das Überführen der Stimme etwa vom hohen, dem Falsett benachbarten Klang zum kraftvollen Brustton, der fast gedankenschnelle Lautstärkenwechsel, das Eingehen auf jedes Textwort – all das bewundert der Hörer ein wenig bewußt und vergißt fast darüber, einfach innerlich mitzusingen.

Das Programm war ebenso klug wie künstlerisch verantwortungsbewußt ausgewählt: ein einziger Komponist, geschlossene Zyklen, die Liederreihe nach Gedichten von Justinus Kerner und der jedem Liebhabersänger vertraute Eichendorff-Liederkreis: "In der Fremde", "Mondnacht", "Zwielicht", um an einige zu erinnern. Sie zählen zum wertvollsten Besitz unserer Musik. Robert Schumann vollendete sie im gleichen Jahr 1840.

Es reizt zu diskutieren, wie weit ein Liedersänger dramatisch gestalten und etwa die Hexe Loreley mit gespensterhafter Kopfstimme nachahmen darf. Unmittelbar danach sang diese Hexe aber wieder mit kraftvollem Bariton. Der Gestaltungswille führt den Sänger an die Grenze seines Faches.

Erinnert man sich an Fischer-Dieskaus letzten Liederabend in diesem Raum – damals sang er Hugo Wolf -, so meint man feststellen zu dürfen: Die Stimme hat den damals noch hörbaren jugendlich weichen Klang verloren, ist noch klarer profiliert und klingt am stärksten und am meisten variabel in der Mittellage. Die höchsten Töne kennt man kaum; der hoch einsetzende freie Vorhalt in der letzten Zeile des "Wanderliedes" war vielleicht der einzige stimmtechnisch anfechtbare Ton.

Es war ein in jeder Richtung sorgfältig durchdachter und meisterhaft gesungener Liederabend, nach dem man sich etwas bewußt immer wieder sagt: Es war doch ungewöhnlich schön, trotz der Perfektion. Günter Weißenborn hat ebenbürtig begleitet; im rechten Augenblick gleich- oder untergeordnet, ließ er zudem die Freude mitfühlen, mit der die Pianistenhand den so griffigen Satz Schumanns verwirklicht.

d.


   

     Bonner Generalanzeiger ?, Datum unbekannt     

   

Dietrich Fischer-Dieskau sang Schumann

Kerner- und Eichendorff-Lieder in der Beethovenhalle

Seit langem schon gilt Dietrich Fischer-Dieskau als Meister des deutschen Liedgesanges, der die Nachfolge der unvergeßlichen Liedsänger Paul Bender und Karl Erb angetreten hat. So vermochte sein Name auch jetzt wieder den großen Saal der Beethovenhalle samt Podium zu füllen.

Seine Stimme ist ein Wunder von Natur und Technik, sein Vortrag eine Synthese von tiefer Empfindung und bewußter Einsparung spontaner Gefühlsäußerungen. Von diesen Voraussetzungen aus erhalten seine Lied-Nachschöpfungen außer dem makellosen Wohlklang, den die Stimme in jeder Ausdrucksphase gewährt, individuelles Profil, verhaltene, doch faszinierende rhythmische und musikalische Präzision. Sieht man das Repertoire der Fischer-Dieskau-Schallplatten durch, so erstreckt sich die Sammlung von Haydn bis Fauré, eine Anthologie besten Liedgutes, darunter Richard Strauss schon als Konzession an einen breiteren Publikumsgeschmack anmutet.

Für Bonn hatte Fischer-Dieskau Schumann gewählt, als ersten Zyklus die zwölf nicht allzu häufig gesungenen Kerner-Lieder, deren Reichtum an seelischen Schwingungen ihm fast unbegrenzte Ausdrucksmöglichkeiten gab. Im Gegensatz zu seiner früheren Auslegung, die oft fast dem einzelnen Wort Bedeutung und Detailgestaltung gab, stellt Fischer-Dieskau seine Gesänge jetzt in einen weitgespannten Stimmungsbogen, verzichtet fast asketisch auf kleine belebende Nuancen und zieht doch den letzten Schleier von den verborgenen und tiefen Geheimnissen der Schumannschen Tonpoesie. Daß in dieser abgeklärten, entmaterialisierten Schönheitslinie die wenigen dramatischen Momente fast unorganisch aufgesetzt wirkten, zumal der große Saal umrahmende, an sich wundervoll gebrachte Pianostellen fast verschluckte, trat noch mehr im Zyklus der zwölf Eichendorff-Lieder in Erscheinung. Doch auch hier überwog die Echtheit des Vortrages, der den Gesängen traumhaft unergründliche Tiefe gab, der das Unsagbare ahnen ließ und so die reinste Verkörperung Schumannscher Lyrik gab. Und doch konnte es den Hörer etwas elegisch stimmen, daß der apollinische Sängerjüngling von einst, den man bei einem seiner ersten Auftritte in Bonn erlebte, der durch seinen unwiderstehlichen Impuls mitriß, mit 36 Jahren schon einen Stil der Abgeklärtheit erwählt hat, der sonst fast nur dem Alter vorbehalten ist.

Die Begleitung lag in Händen von Günther Weißenborn, der den Klavierpart zu einer geistigen und klanglichen Einheit mit der Stimme verschmolz, der entscheidenden Anteil am Angeben und Ausklingen der vielfältigen poetischen Stimmungen hatte und mit subtilen Klangnuancen die Gesangswirkung untermalte und erhöhte. Das sehr disziplinierte Publikum dieses Rabofsky—Konzertes, das infolge der Programmaufforderung auf unterbrechenden Beifall verzichtet hatte, gab am Ende der aufgespeicherten Begeisterung durch ovationsartigen Beifall Ausdruck und erheischte noch mehrere Zugaben.

I. B.

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