Zum Liederabend am 22. Oktober 1961 in Kassel

Kasseler Post, 24. Oktober 1961

Liederabend Dietrich Fischer-Dieskau

Schumanns "Dichterliebe" und Lieder aus Schuberts "Schwanengesang"

Es ist das Wahrzeichen eines großen Künstlers, daß er einen Stil schafft, in dem das persönliche Gestalten sich so manifestiert, daß er als solcher ein unübertragbares Einmaliges bleibt. Zu diesen Erwählten zählt Dietrich Fischer-Dieskau. 1925 in Berlin geboren, mit 23 Jahren an der Städtischen Oper Berlin, 25jährig an die Mailänder Scala geholt, führte sein Weg über alle bedeutenden Bühnen Europas und Amerikas zu der Weltgeltung, die nur wenigen beschieden ist. Er verdankt seine Erfolge nicht nur dem Theater, vielleicht mehr noch der Faszination seiner Liedgestaltung, in der höchste Kunst wieder zur Natur wird. In der Programmgestaltung konzentriert er sich gern auf einen Komponisten oder einen Liedzyklus. Bei seinem letzten Hiersein (Mai 1960) stand Hugo Wolf im Mittelpunkt der Werkwahl. Schuberts Liedzyklen gehören zu seinem ständigen Repertoire. Diesmal war es Schumanns Liederkreis "Dichterliebe", dem er sechs Gesänge aus Schuberts "Schwanengesang" voraufgehen ließ. Dieser sogenannte "Schwanengesang" ist kein von Schubert gewolltes Ganzes wie etwa die "Winterreise". Nach seinem Tode hat man 14 der letzten Lieder zu einer Gruppe zusammengefaßt und ihr diesen romantischen Titel gegeben. Da zwischen den einzelnen Liedern keinerlei Beziehung besteht, kann man beliebig auswählen, ohne eine nicht vorhandene Einheit anzutasten. Die sechs Gesänge waren dem zweiten Teil der Sammlung entnommen unter Verzicht auf den letzten "Die Taubenpost".

Dietrich Fischer-Dieskau ist das Ideal des romantischen Liedsängers. Seine Programme entsprechen diesem Ruf. Er füllt mit ihnen – und mit der erlebten Kunst seiner Gestaltung – mühelos jeden Konzertsaal. Man spürt, daß hinter jeder Liedgabe eine tiefe Erlebniskraft steht, die in ihrer absoluten Erfülltheit die Herzen anrührt und mitschwingen läßt. Dieses ganz individuelle Sichmitteilen wird von Stimmitteln getragen, deren Reife und technische Vollkommenheit sich in jedem Tonsatz, in einem makellosen Registerausgleich, kraftvoller Fülle, wie dem Schmelz eines wundervollen Pianissimo dartut. Seine Kunst sucht das Intime, die Feinheit der Zwischentöne. Er ist alles andere als ein Stimmprotz mit Starallüren. Wollte man seinen Gesangsstil einmal extrem konfrontieren, müßte man ihn sich im Ensemble der Sofioter Nationaloper vorstellen. Es wäre die gleiche Kluft, die im Kompositorischen etwa Pfitzner von Donizetti trennt. Da, wo der Text das Dramatische herausfordert, tendiert die Gestaltung zur Arie (Atlas), zur Szene. Doch weiß er Grenzen zu ziehen, die mancher Opernsänger im Konzertsaal leicht vergißt. Der metallische Schimmer gibt der baritonalen Wärme seines Organs ein ihr eigenes Timbre. Die Stimme steht an Leuchtkraft und Zartheit auf der Höhe virtuoser Beherrschung. Dies zeigte sich in den 14 Liedern der "Dichterliebe" von Schumann in mannigfacher Weise.

Von Schubert übernahm Schumann den Gedanken solcher Liederzyklen. Sie gaben Gelegenheit, in der Vielfalt der Empfindungsinhalte, der eine Fülle verschiedenster Liedformen entspricht, eine geschlossene geistig-musikalische Einheit zu formen. Die Texte der "Dichterliebe" sind von Heinrich Heine. Manche wirken heute etwas verblaßt. Es bedarf nicht nur des Einfallsreichtums des Komponisten, sondern der ganzen Gestaltungskraft des Interpreten, den Spannungsbogen von den Harfenakkorden des Beginns bis zum "großen Grabe", das alle Liebe und Schmerzen aufnimmt, durchzuhalten. Wenn je ein Sänger für solche Aufgaben prädestiniert war, so ist es sicher Dietrich Fischer-Dieskau. Es ließen sich viele Beispiele von der sensiblen Kleinkunst, der Eindringlichkeit und Vergeistigung der Gestaltung anführen. Wir möchten darauf verzichten.

Der Applaus im überfüllten Saal nahm kein Ende und erzwang Zugabe um Zugabe. Wenn aber ein Künstler nach sechs Zugaben deutlich zu erkennen gibt, daß es nun genug sei, sollte das Publikum diesen Wunsch achten. Den Stimmungsuntergrund der empfindsamen Atmosphäre schuf am Flügel Günther Weißenborn. Die nahtlose musikalische Übereinkunft in allen seelisch-diffizilen Regungen dieser Klavierlieder mit dem Sänger verband beide Künstler zu einer Gemeinschaft, deren Homogenität das romantische Liederlebnis erst abrundete. (Konzertdirektion Laugs.)

Georg Rassner

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