Zum Liederabend am 5. Oktober 1961 in Berlin

Berliner Morgenpost, 7. Oktober 1961 

Edle Stimme

Fischer-Dieskau sang

Dietrich Fischer-Dieskau, mit dem sensiblen Karl Engel am Flügel, führte im Großen Saal des SFB in der Masurenallee die "Winterreise" von Franz Schubert auf. Dieser Liederzyklus gehört zu den genialsten Schöpfungen der abendländischen Musik. Nur wenige Berufene – zu ihnen gehört Fischer-Dieskau – sollten sich dem Werk nähern.

Für die Gesänge von Verlassenheit, Trostlosigkeit und visionärem Wissen bringt er eine unerschöpfliche, feingestufte Skala von Empfindungen mit. Die Stimme gehorcht der innersten Regung, jedem Wort. Sie gibt dem leisesten Gedanken wie dem schmerzlichsten Ausbruch nach.

Mit dem ersten Lied schon wird die äußerste Konzentration geschaffen, eine Spannung, die bis zum Schluß unvermindert anhält. Ein erschütternder Abend.

Pl.


    

     Tagesspiegel, Berlin, 7. Oktober 1961     

   

Gültige Interpretation

Dietrich Fischer-Dieskau sang Schuberts "Winterreise"

    

Das Lied Franz Schuberts in seiner Tiefe zu erfassen, ist für den Künstler dieser Generation eine fast unlösbare Aufgabe. Man muß schon die Wandlungsfähigkeit eines großen Schauspielers, dazu die innere Affinität zum "dunklen Reich" der Romantik haben, um so, wie es Dietrich Fischer-Dieskau im Großen Saal des Funkhauses tat, Schuberts "Winterreise" ohne Rest auszuschöpfen. Er, der sich während dieser Festwochen auf der Bühne der Deutschen Oper mit der Gestalt des Don Giovanni zu identifizieren hatte, der in den konzertant gebotenen Szenen aus Hans Werner Henzes "Elegie für junge Liebende" eine virtuose Charakterstudie bot, fand auch den Weg zu den innersten Bezirken deutscher Lyrik.

Schon vom ersten Lied des zyklischen Werkes an ließ Fischer-Dieskau den tragischen Ausklang ahnen. Mit niemals nachlassender Kraft der Konzentration, einer unbedingten Hingabe an die dichterische Vision verfolgte er den Leidensweg des zu endgültiger Einsamkeit Verdammten. Ohne jemals die liedhafte Form durch allzu scharfe Akzentsetzung oder überzogene Affekte zu zerbrechen, ohne im mindesten einer kleinlichen Empfindsamkeit oder gar Sentimentalität Raum zu geben, erfüllte der Sänger jede Phase mit der spontanen Gefühlswärme des schöpferischen Augenblicks. Mit Erstaunen wurde man gewahr, wie über alle Zeit gültig und lebendig das romantische Erlebnis bleibt.

Daß das an diesem Abend mit den gleichen Mitteln geschah, deren sich die großen Schubert-Interpreten früherer Generationen bedienten, daß keine irgendwie geartete Anpassung an die Ausdruckswelt unserer Zeit stattfand und doch jungen Menschen das Kunstwerk in seiner wahren Gestalt und Schönheit offenbar wurde, ist die Leistung Dietrich Fischer-Dieskaus. Vielleicht ist die Weltangst unserer Epoche dieser Todessehnsucht nicht fern, und in geheimer Wahlverwandtschaft bahnt sich für diese und die kommende Generation ein neues musikalisch-romantisches Weltgefühl an.

Die Hörer entrissen sich nur langsam der tragischen Erschütterung. Mit langem, zu einer Huldigung für den großen Künstler sich steigernden Beifall dankten sie gleichzeitig seinem Partner am Klavier, Karl Engel, der seine bedeutende Aufgabe mit gespanntester Sorgfalt und reicher Klangdifferenzierung erfüllte.

Walther Kaempfer


   

     Telegraf Berlin, Datum unbekannt     

    

Das romantische Liedschaffen Schuberts wird charakteristisch durch ein neues Verhältnis von Dichtung und Musik. Die Worte sind von Musik erfüllt, die Musik erhält ihren Sinn durch den Text. Schuberts "Winterreise" ist ein beredtes Beispiel für diese neue, typisch romantische Form des Liedes: in der Dichtung tritt an die Stelle der Formulierung der Ausdruck, die Musik verdichtet die psychologische Stimmung. Fischer-Dieskaus Interpretation der "Winterreise" ist eine der größten Leistungen des Sängers schlechthin. Es gelingt ihm in faszinierender Weise, nicht nur die Einzelzüge des Textes zu formen, sondern die Dichtung als Ganzes, als unlösbare Einheit einer musikalischen und poetischen Entwicklung darzustellen. So artistisch er seine Stimme auch führt, so überlegen er alle stimmlichen Ausdrucksbereiche beherrscht, immer ist das Bemühen um eine Exegese des dichterischen Wortes zu spüren, die auch seine verborgensten Züge erschließt.

In Dieskaus Vortrag offenbart sich das Geheimnis des Liedersingens: die gleichmäßige, intuitive Durchdringung zweier verschiedener Ausdrucksformen, die doch ein Ganzes bilden. Das faszinierte Publikum im Rundfunkhaus feierte den Sänger und seinen kongenialen Mitgestalter am Klavier, Karl Engel, mit nicht enden wollendem Beifall.

M. F.

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