Zum Konzert am 29. September 1961 in Berlin

Die Welt, 3. Oktober 1961

Neue Werke Neuer Musik

Kompositionen von Reimann und Erbse bei den Festwochen

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Aribert Reimanns "Suite für Bariton und Kammerorchester" (eine Uraufführung) ist eine der besten Kompositionen, die wir von dem jungen Berliner kennen. Sie ist seriell, mit einer Tendenz zum Punktuellen geschrieben und trotzdem durch und durch Musik. Sie besteht aus barocken Tanzformen, die Reimann mit einem eigenen Text verbunden hat. Aus der Vereinigung von altem Formschema, neuem Text und Neuer Musik ergeben sich reiche künstlerische Möglichkeiten, die der Komponist auch nutzt. Er, dessen musikalisches Temperament bisher noch leicht in wildem Espressivo über die Stränge schlug, hat sich hier gebändigt und zugleich an Ausdruckstiefe gewonnen.

Daß die Komposition zum Erfolg des Abends wurde, hat Reimann jedoch auch Dietrich Fischer-Dieskau zu danken. Was man von früheren Begegnungen mit Kompositionen Aribert Reimanns wußte und sich auch bei der "Totentanz"-Suite im Konzert der Philharmoniker zeigte – der zweite "Kompositionsabend" der Berliner Festwochen in der Akademie der Künste bestätigte es: Reimann leistet das Beste, wenn er Texte vertont.

So überzeugten vor allem seine Gesänge auf Quasimodo-Dichtungen von 1960. Der Instrumentalpart (Cembalo, Harfe, Klavier) ist zwar oft so zerfahren, daß die Musiker fast "geschmissen" hätten. Aber im ganzen frappierten doch die melodische Gewalt und die Sensibilität, mit der Reimann in der Singstimme der Dichtung nachgeht. Es ist bezeichnend, welche Textstellen ihn am stärksten inspirierten: "Du hast mich nicht verraten, Herr: für alle Leiden bin ich der Erstgeborene." Oder: "Ich versuche ein Leben: ein jeder wankt ermattend auf der Suche."

Die "Canzoni é Ricercari per Flauto, Viola e Violoncello", die an diesem Abend uraufgeführt wurden, pendeln zwischen den Polen affektreicher, ja bisweilen affektiert anmutender Bewegung und ästhetisierenden, abstrakten Spiels kurzatmig hin und her.

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Joachim Matzner


   

     Kurier, 30. September 1961     

   

Egk versteht das Handwerk

    

Dirigierende Komponisten sind heute keine Seltenheit, im Gegenteil, sie sind Mode geworden. Werner Egk, dem das erste Konzert der Philharmonischen Abonnementsreihe "Musik des 20. Jahrhunderts" anvertraut worden war, hat vielen seiner komponierenden Kollegen mit interpretatorischen Ambitionen eines voraus: er versteht sein Handwerk gründlich, seine Gesten sind übersichtlich, akkurat, das Orchester kann sich auf ihn, und so kann er sich auf das Orchester verlassen.

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Dann geht die Führung und die Sympathie des gefüllten Hochschulsaales an den Solisten über: Dietrich Fischer-Dieskau betritt das Podium, und die Gewichtsverlagerung von der Musik zur Interpretation wird unvermeidlich. Aribert Reimann, der jüngsten Komponistengeneration angehörig, hat eine achtsätzige Suite für Bariton und Orchester als Uraufführung vorgestellt, für die er eine offenbar eigene stenographische Lyrik verwendet. Die Musik ist dementsprechend aphoristisch, aber von der enomelodischen Richtung Henzes etwa beeinflußt.

Henze, der nächste im Programm, war diesmal freilich mit einer anderen, eher grotesk-komischen Seite zitiert. Drei Szenen, die erste fast ein Couplet, aus der Oper "Elegie für junge Liebende", von der Meisterschaft des, hier darf man sagen, Vortragskünstlers Fischer-Dieskau profitierend, brachten turbulenten Applaus.

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H. R.

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