Zur Oper am 28. August 1961 in München

Süddeutsche Zeitung, 30. August 1961

Glanzvolle Arabella

Lisa Della Casa und Fischer-Dieskau in der Münchner Festspielaufführung

Dies ist eine jener Aufführungen, die Operngeschichte machen. Sie hat einen so hohen Grad an Vollkommenheit erreicht, daß man an ihr wird Künftiges messen müssen. Wer die "Arabella"-Inszenierung Rudolf Hartmanns in ihrem beständigen Reifen Jahr um Jahr miterlebte, wird eingestehen, daß sie heute noch stärker, noch überzeugender wirkt als vor drei, vier Jahren, als schon ein Maximum an Wirkungskraft erreicht schien. Von den Trägern der Hauptpartien, die ein Höchstmaß an psychologischer Einfühlung in die Gestalten Hofmannsthals erreicht haben, wird das eigentümliche Strausssche Parlando, das sich hier dominerend zwischen den ariosen Gesang und das gesprochene Wort schiebt, nun vollendet beherrscht. Kein ängstlicher, suchender oder beschwörender Blick zum Dirigenten, auch nicht beim vertracktesten Einsatz. Kein penibles Skandieren, das die Taktstriche spürbar macht. Das breit dahinströmende Melos, der Fluß des Parlandos wird niemals aufgestaut. Selbst der Einwand, daß der Arabella-Text – von dem Einfall mit dem Glas frischem Quellwasser abgesehen – in seiner Konstruiertheit und Unwahrscheinlichkeit beinahe schon an die Unglaubwürdigkeit des Geschehens in Verdis "Macht des Schicksals" heranreicht, wird hinweggerissen. So, wie die unvergleichliche Lisa Della Casa die Arabella verkörpert, wie Dietrich Fischer-Dieskau den Mandryka darstellt, vermittelt der schwache Operntext einen der stärksten Eindrücke. Sie sind beide zu Prototypen geworden: was Hofmannsthal der Gestalt des bärenplumpen Mandryka alles zumutet, kann nur ein begnadeter Darsteller vom Range Fischer-Dieskaus überzeugend widerspiegeln. Und was Strauss an Melos-Süße und schöner Bitterkeit der Arabella in die Stimme legte, kann nur von einer so singulären Persönlichkeit wie Lisa Della Casa in jeder Phase nachempfunden und wiedergegeben werden.

Und wer vermag die unglaubhafte Figur der Zdenka bis ins letzte hinein so glaubhaft zu machen wie Anneliese Rothenberger? Wer sie nicht gesehen und gehört hat, wird wohl immer an dieser konstruierten, nicht dichterisch erschauten Gestalt vergeblich herumrätseln. Auch hier ist wohl der letzte Grad der Vollkommenheit erreicht. Auch die Neben- und Randfiguren – mit Fritz Uhl, Carl Hoppe, Horst Günter, Eva Maria Rogner und Cäcilie Reich besetzt – haben ein hohes Maß an Profilierung erreicht. Und nur das leidige Matteo-Problem ist mit Georg Paskuda nur zum Teil gelöst: in Erscheinung und Timbre, nicht aber in der absoluten Sicherheit der Stimmführung. In einer sonst insgesamt so perfekten Aufführung fällt jede Schwankung, jede Unsicherheit eines Einzelnen dreifach ins Gewicht.

Joseph Keilberth und das Staatsorchester hatten an dem außergewöhnlich starken Eindruck dieser Festspielaufführung entscheidenden Anteil. Es wäre ein Essay für sich, zu verfolgen, wie heute alle Strauss-Dirigenten bemüht sind, das feine Gespinst der Straussschen Motivtechnik bloßzulegen. Früher kam es auf ein paar Details mehr oder weniger nicht an; der große, blühende, schwellende Klang war alles. Es wirkte sogar paradox, wenn ein Dirigent darauf bedacht war, auch das kleinste Motiv, den winzigsten instrumentalen Farbtupfer hervorzuheben. Heute ist es anders: auch bei Strauss wird Klarheit zur Leidenschaft. –

Großer Jubel über eine Festspielaufführung, die ihresgleichen sucht.

Pan


   

     Münchner Merkur, Datum unbekannt     

   

Schöne, kühle Arabella

   

"Arabella" in München gesehen zu haben, heißt, bei einem Münchner Strauss-Festspiel gewesen zu sein. Jener im Programmheft zitierte, reichlich pikierte Satz von Richard Strauss, daß man ihm in seiner Heimatstadt einen schlechten Dienst erweise, wenn man "an das traditionelle Wagner-Mozart-Programm am Schluß (als schon kaum mehr ein Fremder in München war) ein paar "Salome"- und "Rosenkavalier"-Vorstellungen (natürlich vor leeren Häusern) angehängt habe", hat längst und im Falle "Arabella" überhaupt keine Gültigkeit mehr. Hier ist der immer wieder geforderte, über das Opernalltagsjahr weit hinausragende Rang eines Festspiels erreicht.

[...]

"Arabella" ist eine Oper der Frauenstimmen und Frauenschönheit immer gewesen. Sie ist es auch in dieser Aufführung mit Lisa Della Casa in der Titelpartie, die diesen Titel ebenso wie ihre unvergleichlich wirkungsvollen Kostüme zu tragen versteht. Letzteres manchmal so vor allem anderen, daß sie über der Bewußtheit, mit der sie ihre Kleider ordnet oder den Reifrock samt Schleppe für eine effektvolle Bewegung vorbereitet, die Gegenwart von Partnern zu übersehen scheint. Aber auch das gehört wohl zu dieser Arabella, die eben sehr schön ist, ihr Herz aber erst ganz zuletzt in irgendeiner Falte der äußeren Hülle klopfen hört. Es klopft leider auch nicht in ganz innigen verhaltenen Stellen ihres Singens, etwa in ihrer Hingabeerklärung an Mandryka "Du wirst mein Gebieter sein..." Vorher freilich hatte sie im Duett mit Zdenka (langer Sonderapplaus) auch stimmlich brilliert. Diese Zdenka, ganz mit Herz und voller Süße in der Stimme, ist Anneliese Rothenberger, gleichermaßen ein Prachtkerl als Bub und als sich, sein Herz und dessen Liebesbetrug entdeckendes Mädel.

Dazu die Mutter Adelaide (Ira Malaniuk), eine große Dame jener Welt vor hundert Jahren, wie sie Hofmannsthal leicht und lyrisch ironisiert, würdige Gattin eines Grafen Waldner, den – ich sah ihn in dieser Rolle zum erstenmal – Otto Edelmann mit unverfälschtem Wienerisch, rittmeisterlichem Stolz und echt österreichischem Gleichmut in allen Lebenslagen großartig charakterisiert, ihn dazu mit einer Stimme ausstattet, die die stimmliche Konkurrenz des künftigen Herrn Schwiegersohns nicht zu scheuen braucht.

Dieser Schwiegersohn heißt Dietrich Fischer-Dieskau. Ihm ist es diesmal endgültig gelungen, jene erwähnte Tradition, Arabella sei eine Frauenoper, aufzuheben und die völlige Gleichberechtigung des Mannes herzustellen. Da strömte das edelste Stimm-Material in herrlicher Disposition (bis zum Dröhnen und Grollen des Zornes schön), da erfüllte Wärme und Gefühl jeden Ton, da war alles in Spiel und Singen einbezogen: Der Gutsherr aus Kroatien, der "Mann mit den ernsten Augen", von dem Arabella träumt, der feurige Liebhaber, kurz eine vollkommene Einswerdung von Lyrik und Komödie gemäß Hofmannsthals Untertitel "Lyrische Komödie". Wir sahen und hörten weder einen Mandryka noch den mit Recht viel gerühmten Sänger selbst je so überzeugend.

In guter tenoraler Position die Liebhaber Matteo (Georg Paskuda im dritten Akt noch unsicher und seine Höhe durch verstellten Mund beeinträchtigend) und besonders Fritz Uhl als Elemer, die Nebenrollen in bewährter Sicherheit der Herren Hoppe und Günter und der Damen Cäcilie Reich und Eva-Maria Rogner, im Orchester unter Keilberth ein schwelgerisches Musizieren, ein homogenes Zusammenspiel mit der Bühne und – wieder im dritten Akt – ein rasches Korrigieren kleiner Unebenheiten.

Ludwig Wismeyer

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