Zur Oper am 19. August 1961 in München

Süddeutsche Zeitung, Datum unbekannt 

Scherzo mit tödlichem Ausgang

Die Salome der Lisa Della Casa unter Karl Böhm

In der Dresdner Galerie, die Richard Strauss so gerne besuchte, hängt ein von Bartolomeo Veneto gemaltes Bild, das Salome, die Tochter der Herodias, zeigt. Das Mägdelein, von dem der Evangelist Markus spricht, trägt auf einer Silberschüssel den Kopf Johannes des Täufers vor sich her. Die Augen der Prinzessin blicken ins Leere. Es ist kein Triumph in ihnen, keine Erregung. Nur der Mund ist ein wenig aufgeworfen: Ein schmollendes Kind hält ein zerbrochenes Spielzeug in den Händen und weiß nicht, was es nun beginnen soll.

Man könnte meinen, Lisa Della Casa habe sich an diesem Bild des Bartolomeo orientiert, als sie die Rolle der Salome einstudierte. Es ist nicht die entfernte Ähnlichkeit, die zwischen ihr und dem Modell des Malers besteht, es ist die Gleichheit der Interpretation dieser biblischen Gestalt, die eine solche Vermutung nahelegt. Es ist eine ganz ungewohnte Ausdeutung. Fast alle großen Darstellerinnen dieser Rolle – Maria Cebotari ausgenommen – machten aus der Prinzessin von Judäa eine Hohepriesterin der Sinnlichkeit, eine klinische Studie des erotischen Exzesses und der höchsten Perversion. Was Strauss in den glühendsten, orgiastischsten Tonfarben malte, wurde auf der Bühne repetiert. Kein Zweifel, daß eine solche Interpretation stets die stärksten theatralischen Eindrücke hinterließ. Kein Zweifel aber auch, daß sie nicht ganz den Intentionen des Komponisten entsprach. Wie er selbst das überhitzte Werk fast unterkühlt zu dirigieren pflegte, so hat er – und manche Aussprüche bezeugen dies – eine Salome-Deutung ersehnt, die einmal nicht von pervertierter Sinnlichkeit bestimmt war, sondern von eben jener nichts begreifenden Kindlichkeit, wie sie der Salome des Bartolomeo zu eigen ist. Das Wort vom "Scherzo mit tödlichem Ausgang" sollte wohl keinesfalls nur auf die Interpretation der Partitur bezogen werden.

Die Salome der Lisa Della Casa bleibt kindhaft-unwissend bis zum jähen Ende. Sie begreift nicht, was die lüsternen Blicke ihres Stiefvaters von ihr verlangen. Wohl weiß sie, daß sie Macht hat über die Männer, aber sie hat sie noch nie anders gebraucht, als sie sie bei Narraboth erprobt: mit einem Blick, einem vagen Versprechen. Sie ist ein letztlich unberührtes Geschöpf: Sie begreift selbst nicht ganz, was ihr beim Anblick des Propheten widerfährt. Nicht seine Gestalt, sein Widerstand ist es, der sie reizt. Wenn sie ihren höchsten Triumph auskostet – "Ich lebe noch, aber du bist tot, und dein Kopf, dein Kopf gehört mir" -, ist es der Triumph eines verzogenen Kindes, das sein trotzig begehrtes Spielzeug bekommen hat. Wenn sie mit dem Kopf des Jochanaan Zwiesprache hält, ist nichts von sinnlicher Gier in ihr. Wenn sie von ihrem Verlangen singt, von ihrem brünstigen Begehren, so weiß sie selbst in diesem Augenblick noch immer nicht, was diese Begriffe bedeuten. Sie ist und bleibt ein törichtes, eigensinniges Geschöpf mit einem Tropfen Lulu-Blut in den Adern. Diese Salome vermag das Geheimnis der wahren Liebe ebensowenig zu begreifen, wie das des Todes: Sie ist eine Oscar-Wilde-Figur und kein Symbol Hugo von Hofmannsthals. Nicht allein die Schönheit dieser Prinzessin von Judäa, die Narraboths Verzweiflungstod begreiflich macht, nicht der Tanz, der sich aus kühler Lässigkeit erst im allerletzten Augenblick zur Raserei steigert, nicht die Eigenart der Stimme, die nahezu alle Tücken der Partie bestechend meistert, bestimmte das Erlebnis dieser Interpretation, sondern vor allem auch die Intelligenz und Konsequenz, mit der sie psychologisch verarbeitet und durchgestaltet wurde.

Dietrich Fischer-Dieskaus Jochanaan, vom Stigma des Auserwähltseins gezeichnet, war die Ekstatik des Prophetentums und die machtvolle Posaunenstimme eines Rufers in der Wüste zu eigen. Dieser Sänger, der heute seinesgleichen nicht hat, brachte es sogar fertig, die gewisse Trivialität der Prophetenmusik – Heilige haben Strauss immer ein wenig "gemopst" – zu eliminieren. Eindrucksvoller, überzeugender kann man diese Figur kaum noch gestalten.

Bis in die kleinsten Rollen hinein war diese Festspielaufführung mit ersten Kräften besetzt. Fritz Uhl bot eine überaus eindrucksvolle Studie des lüstern-feigen Herodes; Ira Malaniuk stand ihm als Herodias in nichts nach. Georg Paskuda sang den Part des Narraboth hervorragend; Brigitte Fassbaender debütierte mit bemerkenswertem Erfolg als Page. Karl Böhm, der große Strauss-Kundige, dem das Staatsorchester begeistert folgte, nahm einiges recht breit und pastos. Ihm gelang es jedoch, die sonst so häufig in einzelne Teile zerfallende Partitur zur Einheit einer einzigen Stretta umzuformen. Selbst der Tanz wirkte nicht abgesetzt von dem übrigen musikalischen Geschehen, und auch die vielen genialen Tonmalereien, etwa das unheilvolle Rauschen des Windes, wurden nicht überpointiert.

Noch in die letzten Takte hinein knatterte Applaus: Es schien, daß sich einzelne nur auf diese Weise von der lähmenden Gewalt der Schlußszene zu befreien vermochten. Der allgemeine Beifall aber setzte erst nach einigen Augenblicken des Schweigens ein, um sich dann rasch zu ungewöhnlichen Ovationen für Böhm, Hartmann, Fischer-Dieskau und Lisa Della Casa zu steigern. Sollte ihre Deutung der Salome nicht Schule machen, so wäre sie nur ein Beweis mehr für die Singularität ihrer künstlerischen Persönlichkeit, nicht aber ein Zeichen dafür, daß sie einen falschen Weg gegangen ist. Denn eine Revision des Salome-Bildes, wie sie ihr in Zusammenarbeit mit Rudolf Hartmann gelungen ist, schien schon lange vonnöten.

Walter Panofsky


    

     Münchner Merkur, Datum unbekannt     

    

Gala-Vorstellung am Hofe des Königs Herodes

    

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Salomes mit 16jähriger Prinzessinnen-Figur und Isoldenstimme sind rar. Mehr von letzterer hätte man Lisa Della Casa gewünscht, um ihre Salome vollkommen werden zu lassen. Ihr fehlt vor allem der sinnlich-heiße Grundklang der Stimme in allen Höhen und Tiefen, weshalb hinwiederum der eiskalt herausgestoßene Ruf "Ich will den Kopf des Jochanaan" ein Nonplusultra eines pervers unterhitzten Wollens war. Aber jenes Aufblühen des jungen Weibes und seiner allmählich bewußt werdenden Sehnsucht nach Liebe in der Werbung um Jochanaans Leib und deren Erfüllung im Sich-Hingeben an das Haupt dieses Fern-Geliebten – die große Erschütterung, wie sie nur von einer erglühenden Stimme ausgehen kann, sie ist nicht in Lisa Della Casas Stimmtimbre.

Dies war um so spürbarer, als ihr ein Dietrich Fischer-Dieskau gegenübertrat, mit ihm ein Jochanaan, ein gewaltiger Mann, grandioser Mensch und Prophet. Wenn je die Propheten des Alten Bundes Jehovas Wort aus den Wolken gehört haben, so muß es geklungen haben, daß alles Menschliche davor ganz klein und niedrig wird. So mag Gott einst Moses den Dekalog verkündet haben, und so – wünschte man sich – müßten heute Propheten des Guten durch die Lande singen, um gehört zu werden. "Der Prophet" hätte Strauss mit Recht sein Werk mit diesem Sänger nennen können.

[...]

Ludwig Wismeyer


    

     Abendzeitung, München, 21. August 1961     

    

Münchner Opernfestspiele mit Richard Strauss...

Salome Della Casa

    

Nunmehr hat sich Lisa Della Casa nach den ihr so vollkommen auf den schlanken Leib geschnittenen Rollen der Arabella, der jugendlichen Marschallin und der damenhaften Ariadne den schönen blausilbernen, von Charlotte Flemming entworfenen Umhang umgeworfen und ist zur frühreifen Tochter der Herodias, zur schönen Prinzessin Salome, geworden.

Eine Woche vor dieser Aufführung hätte ich meine Eindrücke aus der reinen Vorstellung genauso niederschreiben können wie jetzt, nach dem unmittelbaren Erlebnis. Lisa Della Casas Konzeption ist das junge, sehr verwöhnte Mädchen, das durch den ungewöhnlichen provokant-moralischen Propheten über die Neugier in Affekt und schließlich in wahre Leidenschaft gerät. Diese Konzeption wird bis zum Abgang des Jochanaan annähernd verwirklicht. Von da ab verwischt sie sich, wird elegante Opernkonvention, im Schleiertanz zum erfolgreich bemühten, jedoch nicht sehr spannungsvollen Streben nach Darstellungseinheitlichkeit und erreicht in der großen Schlußsteigerung weder ganz die Orgiastik Straussscher Opernlyrik noch die höchste Klimax einer sinnlichen Leidenschaft.

Stimmlich hielt sich Lisa Della Casa zurück und vertraute auf die Leuchtkraft der oberen Lage, die sie auch nicht im Stich ließ, doch von der Mittellage abwärts war wenig zu hören. Immerhin gelang es der Sängerin, auch als Salome einen elegant-souveränen, angenehmen, wenn auch nicht tiefgehenden Eindruck zu hinterlassen.

Karl Böhm, schon bei seinem Erscheinen am Pult des Prinzregententheaters lebhaft akklamiert, musizierte hinsichtlich des instrumentalen Farbreichtums wie der Klangintensität aus dem vollen, wo Anlaß geboten war, dabei nicht immer der Stimmökonomie der Debütantin Rechnung tragend. Im ganzen eine meisterhaft überlegene Darstellung, in der die Straussschen Atavismen mit großem Geschmack akzentuiert wurden.

Die schöne Aufführung, in der schon öfters besprochenen Inszenierung Rudolf Hartmanns und Ausstattung von Helmut Jürgens, bot einen pathologisch durchgezeichneten, stimmlich trefflichen Herodes von Fritz Uhl und eine ladylike verworfene Herodias Ira Malaniuks. Fischer-Dieskaus Jochanaan war stimmlich kolossal, aus der Zisterne allerdings nicht sehr deutlich. Darstellerisch ist er an Salomes Verlockungen zu interessiert, ehe er sie ablehnt. Er müßte ihnen jedoch so fern sein, daß es keiner Abwehr, sondern nur eines angewiderten Verscheuchens bedürfte. Jugendlich-männlich klang Georg Paskudas Narraboth. Die Nazarener, Juden und Soldaten sowie der Page der Herodias waren ohne Fehl.

Antonio Mingotti

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