Zum Konzert am 30. Juli 1961 in Salzburg

Die Presse, Wien, 1. August 1961 

Applaus, sich selbst zur Freude – 
Das Konzert verdiente ihn nicht

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Fischer-Dieskaus Liederabend

Auch ein großer Künstler und Musikgestalter wie Dietrich Fischer-Dieskau vermochte da kaum etwas von Goethes faustischem Geist zu vermitteln (Anm: dies bezieht sich auf die am Vortag stattgefundene Aufführung der "Faust"-Szenen von Schumann). Der Fortissimo-Beifall, der ihn gleichwohl umdonnerte, galt offenbar seiner außerordentlichen Beliebtheit oder mochte als Vorschuß auf das Hugo-Wolf-Programm gedeutet werden, mit dem er tags darauf sein dankbares Auditorium im Mozarteums-Saal entzückte. Mit zwanzig Stücken aus dem Mörike-Band zeigte er sich da ganz auf der Höhe seiner Sängervirtuosität, wenn er, meisterlich und überaus klangschön begleitet von Gerald Moore, mit äußerster Treffsicherheit den Geist, den Ton, die Stimmung und die Farbe jedes Liedes erfaßte, angefangen von den Nachtgespenstern und den Morgenglocken, die sich "in der Frühe" melden, bis zum abendlichen Besuch des Rezensenten, der zum "Abschied" mit einem flotten Wiener Walzer über die Treppe hinunterexpediert wird. Als schönstes Ergebnis dieses Liederabends aber nennen wir die Tatsache, daß mit der feinen und beweglichen Kunst des Sängers vor allem das Ingenium Hugo Wolfs triumphierte.

Kr


   

     Kurier, Wien, Datum unbekannt     

   

Die Kunst der stilgerechten Pointierung

Dietrich Fischer-Dieskau sang im Mozarteum Mörike-Lieder von Hugo Wolf

    

Er singt alles weit über dem langjährigen Durchschnitt, Deutschlands Liedersänger und Opernstar Numero eins, Dietrich Fischer-Dieskau. Doch Hugo Wolf liegt ihm am allermeisten, kommt seiner Art des Empfindens und seinem Ausdruckstemperament am stärksten entgegen, ist geistig und musikalisch so beschaffen, daß Interpret und Komponist nahtlos in eins verschmelzen können.

Es war darum ein im selben Maß nicht überraschender wie glücklicher Gedanke, Fischer-Dieskau mit einem Wolf-Programm in den Salzburger Sommer 1961 einzubauen. Das Fest war sozusagen auszurechnen, und es wurde über die vorgesehene Vortragsfolge hinaus völlig programmgemäß noch um ein Zugabenkonzert verlängert. Schließlich hat man der Gewißheit des Ausverkauftseins seinen Tribut zu zollen.

Der Referent, der nur den also bereicherten zweiten Teil des Abends hören konnte, hatte bei der neuerlichen Begegnung mit dem Wolf-Sänger Fischer-Dieskau vor allem die unendlich selbstverständliche Kunst der Pointierung zu bewundern. Sie war im Lyrisch-Gedankenvollen ebenso in den wohllautenden, hoch musikalisch phrasierten und wortdeutlichen Gesang hineinverwebt ("Im Frühling", "An die Geliebte", "Peregrina I und II") wie im Spielerisch-Heiteren, in den eher zur Übercharakterisierung verleitenden Gesängen.

Allein, Fischer-Dieskau ist nicht zuletzt ein überragend gescheiter Sänger, mit untrüglichem Instinkt für die richtige Dosierung im Vortrag und ebenso ausgeprägtem Stilgefühl begabt. In den Liedern "Zur Warnung" und "Abschied" zum Beispiel oder in dem draufgegebenen Stück "Wenn meine Mutter hexen könnt..." vermeidet er bei aller Plastik der Charakterisierung jegliches konzertsaalfremde Theater, und zwar ganz einfach dadurch, daß er sich mit der singenden und besungenen Figur völlig identifiziert, bis zur Körperhaltung, bis zum Mienenspiel, dabei aber weder mit Blicken noch mit Gesten nach dem Publikum angelt. Das ist nur so ganz zufällig da, wie ein Junge erzählt, wenn seine Mutter hexen könnte...

Fischer-Dieskau kann freilich selber hexen, was die Begeisterung im Mozarteum nachdrücklich bewies, und sein Begleiter Gerald Moore war durchaus kein Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wurde, sondern ein alter Meister seines Faches, der jede Note an ihren Platz und jedes Lied ins beste Licht zu rücken verstand. Der große Sänger zeigte sich der idealen Partnerschaft durchaus bewußt.

Herbert Schneiber


   

     Salzburger Nachrichten, 1. August 1961     

   

Orpheus und Hymenäus

Dietrich Fischer-Dieskau sang Mörike-Lieder von Hugo Wolf – Am Flügel: Gerald Moore

    

Die erste Zeile gehört Gerald Moore. Er ist der Hymenäus, der Mann, der mit der Fackel an die Spitze des Hochzeitszuges berufen ist: Der Begleiter des Orpheus, ein Gott selbst wie jener, so nennt ihn Ovid in den Metamorphosen. Ihn rief die Stimme des thrakischen Sängers zum Fest, und im kreisenden Schwung, aus der Luft entzündet, beschreibt sein Feuerbrand beiden das flammende Rad zur Fahrt, die sie fortträgt und wiederkehren läßt, Wandler und Verwandelte: Sie sind zwei, geeint wie das Licht zweier Leuchten, das uns begegnet. Es kommt zugleich, und die Größen in ihm sind aufgehoben. Sänger und Begleiter -? Spiel der Spielenden, Fahrt der Gefährten, ihr Wort ist ein Wort.

Der Liederabend Dietrich Fischer-Dieskaus, mit Gerald Moore am Flügel, war das Fest des Sonntags. Darüber standen die Namen: Mörike – Hugo Wolf.

Der Große Saal im Mozarteum sah jene Art von Publikum, die eigentlich ein Intimum sein will. Man trifft es ein-, zweimal, zu den hohen Gelegenheiten in Salzburg, wenn die besten Künstler lautlos, zwanglos ihre Gemeinden um sich versammeln. Dieses erste Recital, am 30. August, hatte die Dynamik eines Auftakts wahrhaftig noch dazu. Bariton und Klavierstimme übten eine Macht, daß es zunächst in einer Liedergruppe, die mit dem "Feuerreiter" begann, der offenen Landschaft eher statt des Saales bedurft hätte, um die Gewalt der Töne aufzufangen: so wie Horaz in seinen Oden das kühne Bild des Sängers zeichnet, dem die Eichen des Gebirges lauschen und die Wälder zu Tal folgen mußten... Dann aber, "auf dem Frühlingshügel", floß das friedsame Licht des Lyrischen über die Szene wie ein Gewand, das Feuer einzuhüllen, dem nur der Schimmer bleibt vom ungeheuren Element: "Halb ist es Lust, halb ist es Klage". Da war in der Stille die Weite aufgetan und ein großer Spiegel zeigte rein das Wesen des Gedichts.

Eduard Mörike hat dem Komponisten Hugo Wolf mit einem Zauber die ganze Fülle der Erfindungen entlockt, mit denen die Musik den Zustand des anderen Stoffes gewann: eine Dichte gleich jener der poetischen Form. Der dionysische Schaffensrausch seines Mörike—Jahres, 1888, ist dem Liedschöpfer nachzufühlen, wenn man Fischer-Dieskau und Gerald Moore hört. – Ist es überhaupt noch zu fassen? Ist’s nicht zuviel? Springt die Schale nicht in der Glut, die Form nicht unter dem Hammerschlag dieses Herzens? – Fragen wir Hugo Wolf. Er schreibt es in Briefen: "Einfälle, lieber Freund, sind schrecklich. Ich fühl’s. Meine Wangen glühen vor Aufregung wie geschmolzenes Eisen..." Und an einem anderen Tag, an dem ihm zwei Lieder nach Mörike reiften: "So was war noch nie da. Gott stehe den armen Leuten bei, die es einmal hören werden."

Die armen Leute in diesem Konzert der Festspiele haben es verspürt. Denn hier ist es immer vom Kern die Spitze, die in uns eindringt. Selbst der Humor hat Leidenschaft. Die Musik ist eine Musik des Point, und ein Mund an dem Munde der Sprache, eine stete, innig angestrengte Berührung! Die Gefahr liegt so nahe wie der höchste Gewinst. Es brennen Leuchtfiguren vor schwarzem Himmel und die Substanz der Töne ist wie Zunder. Reißt das Schauspiel lodernd seine Gerüste hin? – Atemlos, ohne das Auge zu rühren, erlebt der Hörer diesen Hugo Wolf!

Und nicht anders, gebannter noch, hörten Tausende, viele der Sprache nicht kundig, in Paris, in London dieselben Lieder von demselben Sänger und seinem Begleiter Gerald Moore. Unzählige besitzen das bleibende Dokument der Schallplatten-Kassette der Mörike-Lieder. Es ist, mit den Manen von Schubert – Schumann – Wolf, eine romantische Renaissance im Gange, mitten in diesem menschen-verfremdeten Jahrhundert. Und sie umspannt mit der Leistung des deutschen Sängers Fischer-Dieskau allein die halbe Kulturwelt. Wie wahr das Wunder ist, dafür durften in Salzburg die Gäste eines Abends neuerdings Zeugen sein.

Max Kaindl-Hönig

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