Zum Liederabend am 26. April 1961 in Wuppertal

Generalanzeiger der Stadt Wuppertal, 27. April 1961 

Fischer-Dieskau zeigte viel Humor

Hugo Wolfs Mörike-Lieder im Wuppertaler Meisterkonzert

Seit einem Jahrzehnt ist Dietrich Fischer-Dieskau herzlich begrüßter, begeistert umjubelter Gast der Wuppertaler Meisterkonzerte. Ob er Lieder von Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Wolf singt – stets übt die Kongruenz der in jeder Schwebung gemeisterten herrlichen Baritonstimme und der allen Stimmungen adäquaten Ausdruckskraft ihre Faszination aus. Dabei macht es der Sänger seinen Hörern im Grunde nicht leicht: er verschmäht ein Potpourri aus Gegensätzlichem, einen Streifzug durch die Jahrhunderte, konzentriert vielmehr sich und die Aufmerksamkeit seines Publikums auf einen Meister und auf Zyklen. Mit derart konsequent geübter Programmgestaltung, die seinem künstlerischen Verantwortungsbewußtsein entspricht, ist er einmalig in unserer Zeit.

Für seinen gestrigen Abend in der – natürlich – ausverkauften Stadthalle hatte er zwanzig von Hugo Wolfs Mörike-Liedern ausgewählt, wohlvertraute und weniger bekannte. Rein lyrische Gebilde, von Liebe, Sehnsucht, Schwermut durchtönt, und kleine dramatische Begebenheiten, meist humorvoll gewürzt, hielten sich die Waage. Vom gehauchten Piano bis zum bestürzend ausbrechenden Forte reicht die Skala der inneren Ergriffenheit, stets im Einklang mit dem Dichterwort und der kongenialen Melodie. Im "Lebe wohl" wird aller Abschiedsschmerz erschütterndes Erlebnis, beim visionären Mitternachts-Bild ("Gelassen stieg die Nacht ans Land") hält man den Atem an, in den ersten Takten von "Peregrina I" kann die Kantilene nicht verhaltener aus der Stille wachsen. In diesem Bereich ist der Liedersänger Fischer-Dieskau unübertroffen, wohl auf dem Höhepunkt seiner Kunst.

In dem Künstler hat sich aber im Laufe der letzten Jahre auch eine andere Komponente stark ausgeprägt, die der szenischen Verdeutlichung. Kein Wunder bei den Erfolgen des Bühnensängers, der nicht nur singen, sondern auch hervorragend spielen kann. Seine saubere, gewissenhafte Deklamation, die das Mitlesen der Texte fast unnötig macht, verstärkt diese Begabung. So wird "Der Feuerreiter" zur erregend niederprasselnden Katastrophe und die "Storchenbotschaft" zur lustigen Episode. Der Wagner-Verehrer Hugo Wolf fordert zu so dramatischer Gestaltung geradezu heraus. Impulsiv zupackendes Temperament und schmunzelndes Auskosten humorvoller Szenen sprengen ……

Autor unbekannt

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