Zum Liederabend am 12. April 1961 in Berlin

Berliner Tagesspiegel, 14. April 1961

Lyrik am Ursprung

Dietrich Fischer-Dieskau gab im Sendesaal des SFB einen Liederabend

Das Überwiegen der hellen, heiteren und behaglichen Töne in der Dichtung des schwäbischen Pfarrers Eduard Mörike verführt dazu, den Dichter lediglich als Idylliker zu nehmen. Daß er mehr ist, daß er mit unbefangener Sicherheit in die Bereiche des Hymnischen und Religiösen, in die Geheimnisse der Menschenseele, in die Tiefen des Nächtigen und Gespenstigen greift, wußte Hugo Wolf, der sich der Dichtung Mörikes so angelegentlich wie sonst nur noch der Goethes verschrieb und ihr ein Oeuvre von Liedern abgewann, das an Kontrastreichtum, an Vielfalt der Stimmungen vom Pathetismen bis zum Übermütigen und Burlesken seinesgleichen sucht.

Wenn Dietrich Fischer-Dieskau einen Abend im großen Sendesaal des Funkhauses den Mörike-Liedern Hugo Wolfs widmete, so ging es ihm um das jeweilige Ganze, das sich aus Wort und Ton, aus der Begegnung so verschiedenartiger Naturen wie des ruhig-gelassenen Dichters und des exzentrischen, reizempfindlichen Musikers ergab. Dietrich Fischer-Dieskau ist Sänger von hohen und höchsten Graden, und er hat Gelegenheit genug, diese Eigenschaft in den großen lyrischen Gesängen - "Der Genesene an die Hoffnung", "Neue Liebe", "Im Frühling" - aufs eindringlidiste zu beweisen. Aber er ist mehr als das. Er dringt mit seltsam erhellender, fast sezierender Intensität durch das Melos zum Wort, durch das Wort zum lyrischen Urerlebnis; er wird zum Rezitator einer gehobenen, klingenden Dichtersprache, die von Wundern, Ahnungen und Ängsten, von den kleinen Lächerlichkeiten der Comedie humaine erzählt. Erstaunlich, wie dieser Sänger, der dem musikalischen Teile des Liedes vollkommen gerecht wird (Gerald Moore, der die Klaviersätze feinfühlig und bedeutungsvoll klingen läßt, ist der verständnisvolle Partner), darüber hinaus immer wieder den Anteil des Dichters in den Vordergrund stellt.

Das zeigt sich vor allem in den komischen Stücken, die einen breiten Raum im Programm einnehmen. Wenn er "chargiert", wenn er seine Stimme näselnd oder raunzend verfärbt, wenn er die Pointen zum äußersten zuspitzt oder aufs eleganteste fallen läßt ("Begegnung", "Der Jäger", "Abschied"), so sind das nicht Wirkungen theatralischer Buffokomik; das alles ist Ausdruck, Lyrik, Nuance eines weiten, umfassenden Lebensgefühls, dem Spott, Laune und Witz ebenso zugehören wie das Erschauern vor den Geheimnissen der Schöpfung und des Schicksals.

Oe

zurück zur Übersicht