Zum Konzert am 14. Februar 1961 in Berlin

Berliner Morgenpost, 16. Februar 1961     

Liebe und Weinseligkeit

Dietrich Fischer-Dieskau sang heitere Volkslieder

Volkstümliche Musik großer Meister, in der Hochschule vorgetragen von prominenten Künstlern, gab es am Faschingsabend. Hier stellte sich die wirkliche, höhere Heiterkeit ein.

Dietrich Fischer-Dieskau sang Volkslieder von Haydn, Weber und Beethoven, in denen von Liebe, Sehnsucht und Weinseligkeit die Rede ist. Zu ihm gesellten sich so blendende Musiker wie der Flötist Aurèle Nicolet, der mit Recht enthusiastisch gefeiert wurde, Helmut Heller, Violine, Irmgard Poppen, Violoncello, und Karl Engel, Klavier, die in feinem Kammermusikton ihren Part spielten.

Vor allem das herrlich musizierte Flötentrio g-Moll op. 63 von Carl Maria von Weber, das, sprühend und elegisch, ein echtes Kind der Romantik ist, entfachte Beifallsstürme.

PI.


    

     Tagesspiegel, Berlin, Datum unbekannt     

   

Harmonie des Zusammenspiels

   

Mit einem großen und erlesenen Gefolge erschien Dietrich Fischer-Dieskau auf dem Podium des Hochschulsaals: der Flötist Aurèle Nicolet, der Geiger Helmut Heller, der für den verhinderten Hansheinz Schneeberger einsprang, die Violoncellistin Irmgard Poppen und der Pianist Karl Engel bildeten das Ensemble, das sich, zusammen mit dem Sänger, der Aufführung einer Reihe mehr oder weniger vergessener Liedpartituren Haydns, Beethovens und Carl Maria von Webers widmete; schottischer Volkslieder, für Trio- oder Quartettbegleitung gesetzt, und damit in eine kultivierte, kammermusikalische Sphäre gehoben. Was diese Sätze reizvoll macht, ist gerade das unbefangene Hinweggehen über das, was heute als "echte" Folklore gilt, das Einfügen einer fremdartigen Melodie in das gegebene, übergeordnete Schema des klassischen Liedsatzes; wobei denn freilich wiederum der Abstand zwischen der preziösen Klarheit Haydns und der romantischen, mehr vom Streicherton inspirierten Poesie Webers ins Ohr fällt.

Dietrich Fischer-Dieskau sang die heiteren und gefühlsschweren Weisen mit sparsamer, aber an Höhepunkten voll ausladender Tongebung, mit deutlicher Deklamation und bezaubernder Leichtheit im Wurf der einfachen Melodien, idealer, sich nicht vordrängender Partner eines ausgeglichenen Kammermusik-Ensembles; zu bewundern ist die feine und helle Bewußtheit seiner Gestaltung, die am Ende wieder in die Naivität des Volksliedes einfließt.

Ein Streichtrio von Haydn und ein Flötentrio von Weber standen als instrumentale Intermezzi im Programm; Karl Engel spielte subtil und mit gezügeltem, gelegentlich mutwillig ausbrechendem Temperament den führenden Klavierpart, neben den Streichinstrumenten glänzte die Flöte Aurèle Nicolets mit beseelten Melodien und geläufigen, eleganten Passagen.

Werner Oehlmann


   

     Telegraf, Berlin, 16. Februar 1961     

    

Bunte Palette

   

Kammermusikalische Delikatessen und selten zu hörende Liedzyklen mit reizvoller Instrumentalbegleitung bildeten das Programm eines Kammermusikkonzerts mit Dietrich Fischer-Dieskau, Aurèle Nicolet (Flöte), Helmut Heller (Violine), Irmgard Poppen (Violoncello) und Karl Engel (Klavier) im ausverkauften Hochschulsaal. Der Vorzug dieses Programms war seine sorgsame Auswahl, die auch das Unkonventionelle mit einbezog, wie seine stilistische Abstimmung der einzelnen Werke. So fesselten im ersten Teil die Bearbeitungen schottischer Volkslieder, einmal im verspielten Genre des Rokoko (Joseph Haydn), zum andern in der Sphäre des naturhaft Romantischen bei Carl Maria von Weber. Die größere musikalische Substanz, die natürlichere Schönheit des Melos sprach aus Beethovens Volksliedern für Bariton mit Begleitung Violine, Violoncello und Klavier. Hier traf Dietrich Fischer-Dieskau in der musikalischen Charakteristik am überzeugendsten den Grundton ursprünglicher Naivität. Für Haydns Volkslieder allerdings wäre etwas mehr Schlichtheit in der Deklamation wohl angemessen. Eine kammermusikalische Kostbarkeit war das Flötentrio g-Moll von Carl Maria von Weber, von Aurèle Nicolet, Karl Engel und Irmgard Poppen hinreißend schön musiziert. In Haydns C-Dur-Trio hatte der kultiviert geigende Helmut Heller für den verhinderten Schweizer Geiger Karlheinz Schneeberger kurzfristig den Violinpart übernommen.

M. F.

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