Zur Oper am 29. Januar 1961 in Wien

Die Welt, 17. Februar 1961

Drei Stunden Weltschmerz ist zuviel

Tschaikowskys "Eugen Onegin" an der Wiener Staatsoper

Die Wiener Staatsoper, die ihrer Stammkundschaft (Abteilung für großrussische Musik) im vergangenen Jahr Borodins langweiligen "Fürst Igor" bescherte, hat kürzlich mit Tschaikowskys "Eugen Onegin" aufgewartet, der nicht gerade kurzweilig ist. Drei Stunden russischer Weltschmerz sind einfach für unsere Generation zuviel, selbst mit Untermalung von Tschaikowsky-Musik. Und die leicht depressive Stimmung, die von dieser Musik ausgeht, wurde durch Paul Hagers Inszenierung noch hervorgehoben.

Die Farben waren düster, von der russischen Landschaft, von der die Musik erzählt, war wenig zu sehen, und die Sänger standen meist still. Aber Stillstehen mit innerem Erleben gehört zu den schwersten Dingen auf der Bühne, und so wurde daraus oft Herumstehen und Nichterleben. Die Bühnenbilder (Leni Bauer-Eczy) waren so traurig wie die Musik. Der Ballsaal des Fürsten Gremin in St. Petersburg war dunkel und düster, als ob der Fürst an der Beleuchtung gespart hätte. Die Kostüme der Bühnenbildnerin hingegen waren schön und stilecht.

Das Opernballett bescherte uns einige frohe Momente und tanzte den Walzer, die Mazurka und die Polonaise mit zauberhafter Bewegung. Erstaunt blickte man ins Programm: für die exzellente Choreographie zeichnet Heinz Rosen. Lovro von Matacic bereitete die Aufführung musikalisch vor und dirigierte die ersten Vorstellungen, aber in Wien ist es leider nicht Sitte, daß der Premierendirigent die Aufführung weiter betreut, und die Reprise, die ich hörte, wurde von Berislav Klobucar geleitet, der mit feiner Einfühlung dirigierte. Die Philharmoniker spielen Tschaikowsky ja immer mit besonders schönem Klang.

Auf dem Programm stand der ominöse rote Zettel mit einer Absage von Sena Jurinac (die als Tatjana von der gesamten Kritik enthusiastisch gefeiert worden war). Das Kunststück, das Jurinac ergebene Wiener Publikum zu versöhnen, gelang Frau Gertrude Kirchner, die einsprang, um die Vorstellung zu retten und einen sensationellen Erfolg hatte. Frau Kirchner ist Wienerin und daher hierzulande weitestgehend unbekannt; wie ich höre, ist sie für drei Jahre in Nürnberg gebunden. Sie wird nicht mehr lange hier unbekannt sein. Sie hat Charme, Liebreiz, Stimme und überdies enorme musikalische und schauspielerische Begabung. Sie sang die Briefarie, eine wahre tour de force, mit bezaubernder Innigkeit und technisch einwandfrei und wurde verdient gefeiert.

Fischer-Dieskau ist ein großer Gesangskünstler, aber kein Onegin. In den Arien zeigte er stimmliche Virtuosität und völlige innere Unbeteiligtheit. Er hatte nichts von der aristokratischen Eleganz, der elegischen Schwärmerei des russischen Sonderlings. Es ist immer traurig, einen bedeutenden Künstler so völlig am falschen Platz zu sehen.

Waldemar Kmentt als Lenski war dagegen in jeder Hinsicht vollkommen. Herr Kmentt weiß mehr über die Kunst des bel canto als einige der hochbezahlten italienischen Tenorimporte, die wir in den letzten zwölf Monaten hier hörten. Wie wäre es, wenn er sich in Italien seinen Namen ändern ließe (Cementelli? Kmentonini?). Die Direktion würde ihn mit dreifachem Honorar holen. Die übrige Besetzung (die Damen Hilde Konetzni, Biserka Cvejic, Dagmar Hermann, die Herren Oskar Czerwenka, Karl Weber, Ljubo Pantscheff, Peter Klein, Erich Majkut) war durchweg sehr gut.

Joseph Wechsberg

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