Zum Konzert am 7. September 1960 in Luzern

Basler Nachrichten, 11. September 1960    

Internationale Musikfestwochen Luzern

VIII. Sinfoniekonzert

Auch den vorletzten Sinfonieabend vom vergangenen Mittwoch wird man den wertvollsten der Luzerner Musikfestwochen 1960 zurechnen. Die solistische Gabe hatte daran einen sehr großen Anteil. Dietrich Fischer-Dieskau sang die "Kindertotenlieder" von Gustav Mahler – es war nach dem Adagio aus der X. Sinfonie und dem "Lied von der Erde" die dritte Gabe im Gedenkjahr des Komponisten -, und er sang sie wunderbar: voll innerer Anteilnahme, frei von jeder Pose, oft geradezu berückend; erstaunlich bei Fischer die völlige Beherrschung der Materie, von der gegen die Höhe hin immer freier werdenden Stimme wie von der vorbildlichen Aussprache ganz zu schweigen. Das ist wahrhaftig hohe Gesangs- und Vortragskunst.

Die Begleitung entsprach vollauf der Leistung des Solisten. Aber sie zeigte nur einen Teil, freilich keinen nebensächlichen, des Dirigenten George Szell. [...] So straff immer Szell das Orchester führt, er tut ihm nie Gewalt an. Oft deutet er mit der Rechten nur das Nötigste an und setzt mit der nach oben offenen Linken ein paar wenige Akzente. Doch das genügt vollauf, ein so wertgeprägtes Werk wie Schuberts Siebente sich voll auswirken zu lassen.

Dem Philharmonia Orchestra of London mochte man es aufrichtig gönnen, daß es sich an seinem vierten und letzten Abend mit einer derart ausgeprägten Interpretation eines unvergänglichen Werkes verabschieden konnte.

e.

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