Zum Liederabend am 4. September 1960 in Luzern

Basler Nachrichten, 10. September 1960

Internationale Musikfestwochen Luzern

III. Liederabend

Als begnadeter Stimmbesitzer, der nicht nur viel kann, sondern auch durch sein joviales Wesen das Publikum sofort für sich gewinnt, braucht sich Dietrich Fischer-Dieskau keine Programmsorgen zu machen. Die Persönlichkeit entscheidet, was er singt, ist Nebensache. Ein exklusiver Hugo-Wolf-Liederabend ist sonst nicht nach jedermanns Geschmack; hier aber gab es kein langes Besinnen, der Saal war voll, und das will bei Sängern etwas heißen. Fischer-Dieskau, glänzend disponiert, hatte sein Programm insofern noch weiter eingeschränkt, als er ausschließlich Lieder aus dem Mörike-Band sang. Da ging es bunt durcheinander, und dennoch war das Ganze sinnvoll zu Gruppen geordnet. Sehnsuchtslieder ("Der Genesene an die Hoffnung", "Peregrina", "Lebe wohl"), tiefsinnige Betrachtungen ("Neue Liebe") und nächtliche Visionen ("An den Schlaf", "Um Mitternacht") wechselten mit Wandersprüchen und ironischen Nummern ("Storchenbotschaft", "Was doch heut nacht ein Sturm gewesen", "Abschied"), und inmitten dieser vielfältigen Anthologie explodierte die brenzlige Ballade vom "Feuerreiter", die der vorzüglich deklamierende Sänger höchst virtuos gestaltete. Auffallend wie sein Bariton im Timbre immer heller wird, ins Tenorfach übergreift und hier im Bereiche des rein Lyrischen wunderbare Wirkungen erreicht. Fischer-Dieskau versteht sich aber ausgezeichnet auch aufs Humoristische im Œuvre des treffsicheren Wort-Tondichters. Wenn er sich auf dieses Gebiet begibt, spürt man, wie ihm der Schalk im Nacken sitzt. Manche ungewohnte Pointe wurde da angebracht, ohne daß sich der Künstler jemals zu Übertreibungen hätte hinreißen lassen. Ganz köstlich, wie er den katzenjämmerlichen Dichter die Muse um ein Lied bitten ließ und wie er den Rezensenten verabschiedete. Trefflich auch die Karikatur auf ein liebloses Paar "Bei einer Trauung". Zum Höhepunkt des Abends im gegenteiligen Sinne wurde die mit sakraler Feierlichkeit gesungene Hymne an Orplid. Als Mitgestalter am Klavier hat Karl Engel, der sich manchmal fast nur zu diskret verhielt, den umjubelten Sänger stilgemäß ergänzt.

f. g.

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