Zur Oper am 11. August 1960 in München

Süddeutsche Zeitung, 13. August 1960

Festliche Arabella

Lisa Della Casa und Fischer-Dieskau bei den Münchner Festspielen

Die Münchner Festspiel-"Arabella" müßte mit vier Sternen im Baedeker stehen. Leute, die einzig und allein ihretwegen hierher fahren, wären nicht nur unseres Verständnisses, sondern sogar der Wertschätzung als Opern-Gourmets gewiß. Unter Rudolf Hartmanns inspirierter Regie, in den von Altwiener Sacher-Luxus beschwingten Bühnenräumen des Helmut Jürgens ereignet sich kulinarisches Operntheater, das seinen ästhetischen Reiz zu gleichen Teilen aus dem Cantabile der Strauss-Partitur und aus der feingesponnenen Morbidezza des Hofmannsthal-Librettos gewinnt. Für eine Strauss-Inszenierung, die wie diese die Verlebendigung des Dichterworts einbezieht, ist Joseph Keilberth ein vorbildlicher Dirigent. Er bewegt das Staatsorchester zu äußerster Delikatesse (Bratschensolo: Ludwig Ackermann), schmiegt den Klang den Singstimmen an und gibt dabei noch nicht den symphonischen Fluß preis. Keilberth drängt sich für keinen Augenblick auf, darum ist er stets angespannten, beglückten Hinhorchens sicher.

Es ist überflüssig, Lisa Della Casa wohlgesetzte Komplimente zu machen, sie sei die schönste, mädchenhafteste, wienerischste Arabella. Was bei dieser exzellenten Sängerin von Jahr zu Jahr vernehmlicher spricht, ist das lyrische Empfinden, das Gefühl für jede Schwebung des Textes, das Herz für die rührenden Details. Wenn sie das Duett "Und du wirst mein Gebieter sein" fast stockend vor Glück über den "Richtigen" beginnt, so erreicht die Nervenkunst im Zeichen Strauss’-Hofmannsthals einen Glanzpunkt, von dem aus diese ganz auf Seelenzustände konzentrierte Opern- und Komödienkunst sichtbar wird.

Daß Dietrich Fischer-Dieskau die von Strauss zeitlebens bewitzelte Mandryka-Figur in einer Weise gesanglich und darstellerisch steigert, wie dies die Autoren wohl schwerlich für möglich gehalten haben, wurde schon bei den vorigen Festspielen gesagt. Die erneute Intensivierung der Mandryka-Partie erlaubt, Fischer-Dieskau hinter das darstellerische Geheimnis zu kommen: Er forciert ein wenig das Bäuerisch-Rechtschaffene, Slawisch-Betuliche und Kroatisch-Hitzköpfige des um altväterliche Herrenmanieren bemühten "reinen Toren" aus den Bergen und Wäldern. Das eben merkliche Zuviel ergibt die Ironie. Gesanglich kostet Fischer-Dieskau mit modulationsfähiger Donnerstimme die mörderische Partie aus.

Die Standardbesetzung blieb sich gegenüber dem Vorjahr fast gleich. Der vielbetrauerte Ensemblegeist lebt bei der "Arabella" in alter Herrlichkeit auf; Vertreter des "ersten Fachs" (Cäcilie Reich, Fritz Uhl, Carl Hoppe, Horst Günter und die kehlenfertige Eva-Maria Rogner) greifen zu scheinbaren Nebenrollen und formen Figuren aus dem Wien von 1860. Die entzückende Anneliese Rothenberger, von Charlotte Flemming mit besonders attraktiven Bubenkleidern ausstaffiert, steigert die gesanglich strapaziöse Hosenrolle zur Charakterfigur, ohne daß ein Rest von neckischer Soubrettenhaftigkeit bleibt. Ira Malaniuk, eine adelig schöne Adelaide, und Karl Kohn, ein stimmgewaltiger Schuldengraf, geben ein erstaunlich rüstiges, schier jugendliches Elternpaar. Dem jugendlichen Gast Georg Paskuda dient der Liebesschmerz des Matteo zu tenoralen Aufschwüngen; dieser Jägerleutnant setzt sich in Positur, als gelte es, den Radames ins ausverkaufte Haus zu wuchten. Und er wuchtet gut.

Der Beifall, der unserem Opernpublikum oft gar zu beflissen von Händen und Lippen geht, nahm hier mit Recht bedrohliche Ausmaße an. Die "Arabella" wird man heute an keinem Opernhaus der Welt in ähnlicher Idealbesetzung zu Ohr und zu Gesicht bekommen.

Karl Schumann


 

     Münchner Merkur, 13. August 1960     

     

Strahlend wie noch nie: Arabella

   

Für einen Münchner Heimkehrer, der "Ring"-beladen und symbolbelastet aus Bayreuth zurückkehrt, empfehle ich als Herz, Aug’ und Ohr erfrischende Kur "Arabella" in den Münchner Festspielen. Da ist "Oper" von A bis Z (und Oper heißt vor allem Singen), da ist Theater in allen Ecken (und das heißt vor allem Bewegung), da ist sogar Licht auf der Bühne (und das heißt Schauen-dürfen), und da ist nicht zuletzt unbeschwerte Musik in allen Takten (und das heißt hier in Sachen Oper immer noch Melodie).

Es ist mit einem von der zeitgenössischen Musik verpönten Wort – ein Genuß.

Alles, was da an Einwänden gegen Hofmannsthals "operetten"haftes Buch und gegen Straussens melodien-, terzen- und walzerselige Musik seit der Dresdener Uraufführung Anno 1933 herumschwirrt, das verfliegt, wenn Strauss zu singen anfängt und zu einem Fest der Stimmen aufspielt. Da ist herrliches Münchner Opernfestspiel vorgegeben und das Festspielhaus wird zum Ort erholsamen Labsals.

Eine bessere Besetzung als jene, auf die Rudolf Hartmann seine klug und vornehm agierende Regie stützen kann, ist kaum denkbar. Sie feuert den Dirigenten Keilberth und das Staatsorchester zu einem sonst in diesem Haus seltenen sinnlichen Klangzauber an, den die Konzertmeister Büchner und Ackermann im Violin- und Bratschensolo des 1. Aktes schwärmerisch süß anführen..

Alle – Bühne und Orchester – wurden zudem durch eine Fernsehaufnahme zu höchster Leistung herausgefordert, die den Wunsch aufkommen läßt, es möge öfters derlei Stimulans wirken.

Das sind sie, die so prächtig singen und spielen: Lisa Della Casa, die "allerschönste Arabella" in Pose und Erscheinung. Man traut den Ohren nicht: sie hat im 1. Akt ihr gern so kühl verborgenes Herz entdeckt und singt strahlend wie noch nie. Ihr Duett mit Schwesterchen Zdenka strömte von Wohllaut und Anmut. Daß sie in diesem Duett der Partnerin, wenn es die Musik verlangte, sogar den Vorrang ließ, will etwas heißen, wenn man Della Casa ist.

Freilich, diese Partnerin ist Anneliese Rothenberger und die mädchenliebste und jugendsüßeste Inkarnation der (sonst meist peinlichen) Hosenrolle. Dazu als dritte Frauenstimme Ira Malaniuk mit aller reifen Wärme ihres herrlichen Alts: unverzüglich möchte man sich dem Handkuß des Grafen Lamoral anschließen.

"Arabella" ist eine Oper, in der die Männer arg um ihre Gleichberechtigung ringen müssen, wenn solche Frauen im Spiele sind. Aber diese Männer waren gleichberechtigt, ob sie Fritz Uhl oder Georg Paskuda heißen und Tenöre von Format sind, der eine lyrisch schmelzend, der andere dramatisch leidenschaftlich, oder ob Karl Christian Kohn seinen (ritt-)meisterlichen Baß verschenkt und zudem ein Schauspieler ersten Ranges ist.

Und dann – Dietrich Fischer-Dieskaus Mandryka, ein Mordskerl, dem man alles glaubt, den Bären-Zweikampf, die 40 Dörfer in Slowenien, die dicke Brieftasche (aus der sich Kohn-Waldner übrigens mit großartiger Delikatesse "bedient"), die Zartheit einer Arabella-Liebe und den Zorn über die Geschichte mit dem fatalen "Schlissel" zu Arabellas Zimmer. Was an Farben und Stimmungen, an Schönheit und Kraft in einer Mandryka-Stimme sein kann, Fischer-Dieskaus hat es in jedem Ton. Und welches Spiel-Temperament!

Da auch die Chargenrollen (Cäcilie Reichs Kartenaufschlägerin, Eva Maria Rogners Fiakermilli und die Arabella-Verehrer Hoppe und Günter) der "großen" Konkurrenz entsprachen, war der Genuß vollkommen und festspielwürdig.

Ludwig Wismeyer

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