Zum Liederabend am 31. Mai 1960 in Bremen

Bremer Nachrichten, Datum unbekannt

Ehrung für Hugo Wolf

Fischer-Dieskau sang in Bremen

Für den Hugo-Wolf-/Goethe-Liederabend Dietrich Fischer-Dieskaus als Sonderveranstaltung im Rahmen der Meisterkonzerte 1959/60 gebührt der Konzertdirektion Praeger und Meier besonderer Dank. Nicht nur, weil er wieder einmal wider die immer mehr verkümmernde Pflege des Liedes im heutigen Konzertbetrieb mahnte. Nicht nur auch, weil er an den in diesem Jahre bevorstehenden hundertsten Geburtstag des Komponisten gemahnte, der (nur vier Jahre älter als Richard Strauss) als Siebenunddreißigjähriger von geistigem Siechtum befallen wurde - nicht auszudenken, wie das Schicksal der deutschen Musik verlaufen wäre, hätte die nach 1900 auflebende Krise sich mit Hugo Wolf auseinandersetzen müssen oder auf ihn zählen können. Sondern weil diese Wolf-Ehrung ein Goethe-Liederabend war.

Es gibt sicher zugkräftigere Wolf-Programme. Aber nach seinem überwältigenden Erfolg mit Schuberts Schöner Müllerin" vor einem Jahre glaubte Fischer-Dieskau, auf seiner diesjährigen Deutschland-Tournee neben Düsseldorf auch sein Bremer Publikum mit einer weniger gängigen und ansprüchlicheren Aufgabe ansprechen zu dürfen. Zwar war der große Glockensaal nicht ganz ausverkauft, aber die vielen, die in Erwartung eines besonderen Erlebnisses gekommen waren, dankten Fischer-Dieskau mit wachsendem und schließlich durch Zugaben kaum zu befriedigendem Beifall für den in seiner Liedfolge und deren Wiedergabe überragenden Abend.

Hugo Wolf hat seine einundfünfzig Goethelieder nicht nur wie in einer Genieheimsuchung innerhalb weniger Monate (an manchem Tag zwei und mehr) geschrieben, sondern dabei auch Glucks Mahnung an den Komponisten eines Textes beherzigt, zu vergessen, daß er Musiker ist. Ähnlich möchte man den Interpreten Fischer-Dieskau dahin verstehen, daß er über allen sängerischen (oder gar stimmlichen) Bedacht hinaus den in dem jeweiligen Kleinkunstwerk "Lied" beschlossenen Gehalt bis auf den Grund erschöpfen möchte. Das bedingt zuweilen einen Verzicht auf klangsinnliche Wirkung zugunsten geistigen Ausdrucks und charakteristischer Gestaltung. Aber Fischer-Dieskau ist ein stimmlich begnadeter und technisch virtuoser Sänger, der den Hörer auch ohne selbstzweckliches "belcanto" (und gerade darum viel tiefer) in den Bann seiner künstlerischen Ausstrahlung zwingt.

Nur wenige Takte brauchte er, um den Saal in die tragisch umwitterten Gesänge des Harfenspielers aus "Wilhelm Meister" einzustimmen, die er dann akzentuiert und dramatisch zu steigern weiß. In dem zarten Liebeslied "Frühling übers Jahr" nur schlichte Empfindung, wie im allerdings dunkelfarben innigen "Wandrers Nachtlied". Dank prononcierter Aussprache geradezu plastisch durchgeformt "Der Rattenfänger" und fast schon ein bißchen komödiantisch pointiert das humorige "Erschaffen und Beleben". Dazwischen dann aber in großgestiger Gestaltung "Grenzen der Menschheit", in benehmend heidnischer Ruhe und Weltabgeschiedenheit "Anakreons Grab", und in balladesk sich türmendem Aufbau "Prometheus", mit dessen orchestralem Klavierpart sich Günther Weißenborn ganz besonders als kongenialer Mitdeuter und –gestalter bewies.

Von den vielen großen und schönen Eindrücken des Abends nahm man als besten mit, daß keiner laut und aufdringlich gewesen war. Darum wird der Abend auch nachwirken.

Fritz Piersig


    

     Weser-Kurier, Bremen, 2. Juni 1960     

     

Weihevoller Liederabend

Dietrich Fischer-Dieskau sang Kompositionen von Hugo Wolf

    

Dem Gedenken an Hugo Wolf, der vor hundert Jahren geboren wurde, widmete Dietrich Fischer-Dieskau einen Liederabend, der im großen Glockensaal begeisterten Widerhall fand. Im Programm stand eine kostbare Auslese von Gesängen, denen Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe zugrunde liegen. Es handelt sich um jene bedeutenden Kompositionen, die (neben den großen Mörike- und Eichendorff-Zyklen) dem feinnervigen, eigenwilligen Spätromantiker im Rausche seiner fruchtbaren, fieberhaften Schaffensperiode von 1888 bis 1889 gelungen sind.

"Mein Ruhm ist jetzt mächtig im Aufsteigen", bekannte damals stolz der armselig hausende, von widrigem Schicksal bedrängte und allzubald in die Nacht des Wahnsinns versinkende musikalische Schöpfer jener unsterblichen Lyrik. Viele gewaltige Pläne wurden noch ausgeführt, schienen aber, namentlich auf musikdramatischem Gebiete, von vornherein zum Scheitern verurteilt zu sein. Man denke nur an ein Schmerzenskind von Hugo Wolf, seine wertvolle Oper "Der Corregidor", die bis heute auf der Bühne nicht gebührend berücksichtigt worden ist.

Um so mehr ist es zu begrüßen, daß im Konzertsaal dem großen Liederkomponisten in weiterem Ausmaße als bisher die gerechte Würdigung zuteil wird. Zu dieser ehrenvollen Aufgabe dürfte kein anderer Künstler besser geeignet sein als ein so phänomenaler Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau, der – als einer der wenigen überragenden Liedgestalter in unserer Zeit – von jeher das lyrische Schaffen der klassischen und romantischen Meister bevorzugt hat. Auch in Bremen sind, wie andernorts, seine Beethoven-, Schubert-, Schumann- und Brahms-Abende unvergeßlich geblieben.

Zur wahren Feierstunde wurde das Hugo Wolf geweihte Sonderkonzert. Es ist schwer und nahezu unmöglich, im einzelnen den Vortrag einer bestimmten Liedergruppe durch größeres Lob auszuzeichnen als denjenigen einer anderen; derart vollendet wirkte die Wiedergabe aller feinsinnig gesonderten, vielschichtig gegliederten Stimmungskomplexe, der verinnerlichten Gesänge des Harfenspielers aus "Wilhelm Meister", der rokokohaften Frühlingsgebilde (einzig schön das schlichte "Gleich und Gleich"!), der humorvoll durchleuchteten Kompositionen (die, wie "Der Schäfer", stürmischen Sonderbeifall auslösten), der vielgestaltigen Weisen aus dem "Westöstlichen Diwan" oder der didaktischen "Cophtischen Lieder", die Fischer-Dieskau als etwas trockene Lyrismen sogar an den Schluß zu setzen wagte.

Der eine oder andere Hörer wird vielleicht bekanntere Gesänge wie den prachtvoll dargestellten "Rattenfänger" oder eine ungemein zart intonierte Ekloge wie "Anakreons Grab" als Krönung empfunden haben (ganz zu schweigen von dem wunderbar getragenen, gedankenvollen Poem "Grenzen der Menschheit"). Im dramatisch packenden Sinne bildete zweifellos der herrlich und beseelt gesungene "Prometheus" den Höhepunkt (im zweiten Teil der Werkfolge).

Wieder einmal war man bei Dietrich Fischer-Dieskau zutiefst im Banne seiner edlen Stimme und schwelgte im Reichtum eines Wohllauts, der in der samtenen "Ansprache", in der sonoren Modulationsweite und im strahlenden baritonalen Glanz der hohen Lage einzigartig ist. Mit dem umjubelten Sänger erntete auch sein prächtiger Begleiter, Günther Weißenborn, den verdienten Dank für die poesievolle klavieristische Nachgestaltung. So wurde auch diesmal – nicht "offiziell" wie im vorigen Jahre, sondern "inoffiziell" – Fischer-Dieskaus Liederabend als Sonderveranstaltung im Rahmen der Bremer Meisterkonzerte zum beglückenden Ausklang der Saison.

Dr. Ludwig Roselius

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