Zum Liederabend am 18. Mai 1960 in Köln

  Kölner Rundschau, 20. Mai 1960

Abschied vom Rezensenten

Dietrich Fischer-Dieskau sang Mörike-Lieder im Gürzenich

Der Rezensent, den Goethe noch totschlagen wollte, kommt bei Mörike glimpflicher davon. Er erhält einen kleinen Tritt beim Abschied auf der Treppe und purzelt die Stufen hinunter. Hugo Wolf hat die drastische Szene in Tönen festgehalten, mit Walzerschmiß und ätzender Deklamation. Für Dietrich Fischer-Dieskau, der im Kölner Gürzenich Mörike-Lieder von Hugo Wolf sang, war dieser "Abschied" nicht der gängige Schlußeffekt, mit dem man sich billigen Beifall holen kann, vielmehr beschloß er eine besonnen gruppierte Auswahl aus den Mörike-Liedern mit fünf heiteren Liedern.

Ein Liederabend mit Hugo Wolf gehört nicht nur zu den Seltenheiten des Konzertsaals, seit Jahrzehnten schon existiert er gar nicht mehr, eine ausgestorbene Kunstübung, untergegangen, vergessen. Kaum zu ermessen, was es heute bedeutet, vor einem breiten, von Sensationen verwöhnten Publikum diesen vergrabenen Schatz wieder aufzudecken. Fischer-Dieskau tut noch ein übriges: er singt lauter unbekannte Mörike-Lieder. Er fragt nicht nach dem Erfolg, er macht einen Bogen um alles, was auch hier, in den höheren Bereichen, populär ist.

Vor diesem herrlich kompromißlosen Künstler wird alles wesenlos, was auch nur in der Andeutung auf Publikumsfang ausgeht. Indem er den sogenannten Publikumsgeschmack verachtet, wird er zum Erzieher des Publikums. Das ist ein moralisches Phänomen, das weit über den Anlaß der Kunst hinausreicht und im Zeitalter der Publicitiy und des bedenkenlosen "Ran ans Publikum" die stellvertretende Kraft des einzelnen überwältigend deutlich werden läßt. Aber vermutlich ist es wie bei dem brüderlichen Gesang der Neunten: über die vier Wände des Konzertsaals geht die trostreiche Botschaft nicht hinaus.

Kaum möglich, Neues zum Lob des Liedersängers Fischer-Dieskau vorzubringen. Seine besondere Fähigkeit, den vokalen Klang vom Wort her zu formen und das Wort wiederum in Klang zu verwandeln, feiert bei dem "literarischen" Musiker Hugo Wolf Triumphe einer Interpretationskunst, die ebenso spontan wie verfeinert ist. Im intuitiven Erfassen des poetisch-musikalischen Ausdrucks und in der wunderbaren Modulationsfähigkeit seiner einzigartig schönen, sowohl des dramatischen wie des zartesten Ausdrucks fähigen Baritonstimme liegt das Geheimnis seiner Kunst.

Auch der Begleiter Günther Weißenborn ist ein Meister, ein Farbkünstler des "sinfonischen" Klaviersatzes. Einer der wenigen, die wissen, was ein begleitendes Piano und Pianissimo ist.

E.


Kölner Stadtanzeiger, 20. Mai 1960

Hugo Wolf zum Gedenken

Fischer-Dieskau sang im Kölner Gürzenich

Sieben Jahre liegt es nun zurück, daß sich Dietrich Fischer-Dieskau dem Publikum der Kölner Meisterkonzerte mit einem reinen Hugo-Wolf-Liederabend vorstellte. Wer damals dabei war, wird es bestätigen: Es erschien uns allen fast unbegreiflich, wie tief er trotz seiner Jugend den Geist dieser lyrischen Seismogramme erfaßt hatte und in den Klang hob.

Diesmal sang er in einem Sonderkonzert eine Auswahl aus den dreiundfünfzig Mörike-Liedern, die Hugo Wolf im knappen Zeitraum von einem Jahr niederschrieb. Es war eine nachgeholte Ehrung für den Komponisten, dessen Geburtstag sich am 13.3. zum 100. Male jährte. Die intuitive Sicherheit des Interpreten wird heute ergänzt durch die Reife des Herzens und das Wissen um die letzten Zusammenhänge im Aufbau eines Kunstwerkes. Man höre, wie behrrscht und innerlich gesammelt Fischer-Dieskau die gedankenschwere Lyrik im Eröffnungslied vor uns hinstellte. Mit welch zarter Eindringlichkeit modifiziert er seinen Vortrag in der frohbeschwingten "Fußreise" und stimmt Rhythmus und Dynamik genau auf die inneren Proportionen der "Neuen Liebe" ab. Aber alles bewußt und abwägend Disponierte wird im Moment der Wiedergabe verdrängt durch die Impulsivität seines miterlebenden Gestaltens.

Es ist sein gutes Recht, das Dramatische kräftig vorwärtszutreiben (Der Feuerreiter!) und die Vitalität seines Bühnentemperamentes trägt denn auch über manche Schwäche einzelner Lieder hinweg. Daneben aber gab es andere – man erinnere sich nur an "Lebe wohl", die Ode an den Schlaf und die köstliche Storchenbotschaft – die in ihrer fast genialen musikalischen Anverwandlung des Textes zum Schönsten gehören, was das vergangene Jahrhundert uns geschenkt hat.

Es heißt oft Gesagtes wiederholen, wenn man noch einmal von der gesangstechnischen Seite der Darstellung spricht und der Beherrschung dieser außergewöhnlich schönen Stimme, die mühelos jede dynamische und seelische Regung hergibt. Köstlich auch, wie pointiert und mit fast jungenhafter Fröhlichkeit Fischer-Dieskau zum Abschluß des offiziellen Programms in "Zur Warnung" und "Abschied" den skurrilen, leicht grimmigen Humor Wolfs herausarbeitete. Wie immer wurde der Sänger herzlich gefeiert und gab noch einige Extras. Am Flügel: Günther Weißenborn, der wieder einmal zeigte, daß Begleiten eine besondere Kunst ist.

Margot Schuchardt

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