Zum Liederabend am 14. Mai 1960 in Bonn

General-Anzeiger, Bonn, 16. Mai 1960

Ecce: ein Wolf-Sänger von Format

Dietrich Fischer-Dieskaus Liederabend in der Beethovenhalle

Erstaunlich, was ein Name alles vermag: der große Saal der Beethovenhalle war am Samstagabend bis auf den letzten Podiumsnotstuhl von einem Publikum besetzt, das mit offensichtlicher Befriedigung und kaum verhehltem Enthusiasmus für die Tatsache, den gegenwärtig berühmtesten deutschen Liedersänger endlich (dank Rabofskys Bemühungen) leibhaftig sehen und hören zu können, bereitwilligst den Preis bezahlte, eine der anspruchsvollsten, schwierigsten und für die breitere Massenwirkung im Grund ungeeignetsten musikalischen Veranstaltungen dieser Saison in Bonn durchstehen zu müssen. Dietrich Fischer-Dieskaus außerordentliche Leistung als Künstler und Interpret hat denn auch vielleicht gerade darin ihre besondere, einzigartige Bedeutung, daß er niemals nur auf die Wirkung seines Namens spekuliert und sich in der Routine des Allerweltsangebots musikalischer "Leckerbissen" für alle und jeden beruhigt. Er stellt Forderungen, Anforderungen, wie an sich so auch an das Publikum. Denn, genau besehen, ist es schon immer noch ein Wagnis, einen ganzen Liederabend lang ausschließlich Schöpfungen Hugo Wolfs zu singen, auch im Jahre des hundertsten Geburtstages des Komponisten.

Hugo Wolfs Musik (und das sind im Grunde nur seine Lieder) ist aristokratische Musik, anspruchsvoll und technisch wie geistig gleichermaßen schwer zu interpretieren (und zu genießen). Man kann sich in diesen Liedern, die eigentlich Gedichte für eine Singstimme und Klavier sind, nicht "ergehen", man kann sie nicht in sentimentaler Oberflächlichkeit "goutieren", man muß sie schon mitdenken, nicht nur mitfühlen. Als lyrische Seismogramme, in denen die wahrhafte Essenz der Verse des Dichters musikalisch hörbar gemacht wird und in denen eine nie vorher und nachher erreichte Identifizierung von Text und Ton erreicht ist, sind sie die zartesten, zerbrechlichsten und gleichzeitig tiefsten Kunstgebilde, die das vorige Jahrhundert hervorgebracht hat. Sie sind so leicht zu zerstören, daß ihre Interpretation schon seit jeher nur wenigen Auserwählten ganz geglückt ist. Große Wolf-Sänger sind immer selten gewesen. Fischer-Dieskau ist heute einer von ihnen.

Was vielleicht aus der künstlerischen Urnatur dieses Sängers erklärbar wäre: Fischer-Dieskau ist eine Art moderner Personifikation der Ausnahme zu der Regel, daß Sänger unter allen ausübenden Musikern diejenigen sind, die am wenigsten denken. Seine Weise des "Reproduzierens" hat etwas von der Art des immer fragenden Philosophen, sie lebt von den Impulsen eines Denkens, das tiefer reicht als die bloße klangliche Allmächtigkeit einer großartigen Baritonstimme. Oberflächliche Flüchtigkeit ist ihm ebenso fremd wie billig forcierte Gefühligkeit. Selbst der Spaßcharakter etwa gewisser Lieder ist bei ihm mehr simuliert, genial simuliert, als gefühlt. Möglich und verständlich darum, daß solche Intelligenz dem Schubert- und Schumann-Sänger Fischer-Dieskau etwas zum Nachteil gereichte (und ihm der Mangel an spontaner, lyrisch-melodischer "Naivität" häufig vorgehalten wurde); für die Vergegenwärtigung der Lieder Hugo Wolfs ist sie die unabdingbare Voraussetzung.

Der Bonner Abend also brachte von den 53 Mörike-Liedern Wolfs eine Auswahl von 20 Stücken, geordnet in vier Gruppen, die jede in sich einen Kosmos gegensätzlicher Stimmungen zu binden versuchte. Muß aber noch im einzelnen von der unfehlbaren Bewältigung des Technischen gesprochen werden? Oder von der Makellosigkeit der Textgestaltung bis in jede Phrase, jeden Ton hinein? Muß noch die Rede sein von der unglaublich subtilen Vielseitigkeit in Ausdruck und Farbgebung, in dynamischer Schattierung und rhythmischer Expression? Vielleicht ist es im nachhinein auch gar nicht mehr so wichtig, auf die akustischen Unerträglichkeiten des Riesensaales hinzuweisen, auf die sich der Sänger zuvorkommend, aber nicht immer zum Vorteil seiner Interpretationsaufgaben, einzustellen wußte. Sicherlich aber muß die betonte Rede sein von dem Begleiter am Klavier. Günther Weißenborn, der heute neben Gerald Moore der kongeniale Partner Fischer-Dieskaus genannt werden kann und der von der Selbständigkeit und der Deutfunktion des Klaviersatzes bei Wolf an keinem Punkt überfordert wirkte. Und schließlich: Ovationen gab es für beide, unendliche Dankeskundgebungen. Und als Zugaben wieder Wolf-Lieder.

Hans G. Schürmann


   

     Bonner Rundschau, 17. Mai 1960     

   

Zum 100. Geburtstag von Hugo Wolf

Fischer-Dieskau sang in der Beethovenhalle Mörike-Lieder

    

Als Dietrich Fischer-Dieskau, der weltberühmte Bariton, auf das Podium der Beethovenhalle kam, wußten rund 1400 Musikfreunde, die den großen Saal bis zum letzten Platz füllten und das Podium dazu: jetzt beginnt ein Musikereignis. 1400 Zuhörer, das muß ein bedeutender Sänger sein, sagte sich auch, wer ihn etwa noch nicht kannte.

Der Unterschied zwischen großem Konzert (bei dem Hörer und Honorare nach Tausenden gezählt werden) und Sängerabend in kleinem Rahmen war früher eine Wertfrage. Heute ist man überzeugt, es sind zwei Typen des Konzerts, von denen jedes seinen eigenen Hörerkreis hat.

Der Berichterstatter hörte Fischer-Dieskau zunächst von der ersten Reihe des Saales und später von der letzten. Von beiden Plätzen aus schien der klangliche Abstand fast gleich groß. Zu groß, bedauern Fachleute der Gesangskunst, um den Sänger und seine persönliche Wiedergabe so zu erleben, wie sie es verdiente. Die Feinheiten der Aussprache (Fischer-Dieskau vergrößert Vokale und Konsonanten gleicherweise), die eigenpersönliche Klangfarbe und manches, an das man sich erinnert von Konzerten in kleineren Sälen, kann im großen Raum nicht wahrgenommen werden. Sänger werden in kleinen Sälen oder Theatern entdeckt.

So gehörte die Aufmerksamkeit dem Programm. Fischer-Dieskau ist außer mit reicher Musikalität auch mit Klugheit und künstlerischer Verantwortung begabt: einen Abend allein mit Liedern von Hugo Wolf, nach Gedichten von Eduard Mörike, war selten erlebte Programmeinheit. Wie gut, daß es ein angesehener Sänger wagt, dem sich die Konzertagenten fügen.

Der Liederkomponist Wolf wiederholt das Erlebnis des Dichters, aber diesmal mit Tönen. Von Wagner, sagte er, habe er einiges "abgeborgt", doch er tat es auf so eigene Weise, daß der Hörer heute nicht eine Wagnerkopie erlebt, sondern den "gleichen Grundton" hört. Etwa wenn im Feuerreiter erregte, ja gehetzte Sprache, scharfe Dissonanzen und kantige Rhythmen zum Gesamtkunstwerk verschmelzen. Wenn man im Lied an die Geliebte, das sehnsüchtig träumende, dahinwogt auf den farbigen Klängen und "unendlichen" Melodien, so daß gerade junge Musikfreunde ohne alle Wagnererinnerungen verzaubert werden: um nur zwei Beispiele zu nennen.

Fischer-Dieskau singt nicht mehr "jungmännlich" wie etwa noch beim Beethovenfest vor einigen Jahren. Sein Stil ist sachlicher, seinem Ton ist das freilich erfolgreiche Sich-Messen mit Opernorchestern anzuhören. Viele Konzertgäste erleben mehr im kleinen Liederabend (der Berichterstatter zählt sich dazu). Dies jedoch war ein großes Festkonzert, repräsentativ und vor allem dank dem Programm erlebnisreich.

d.

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