Zum Liederabend am 10. Mai 1960 in Heidelberg

Rhein-Neckar-Zeitung, 12. Mai 1960

Dietrich Fischer-Dieskau sang Mörike-Lieder

Begeisterung in Heidelberg über den großen Sänger

Wie die Kinder auf den Weihnachtsabend, so warteten in Heidelberg alle, denen die Namen Fischer-Dieskau und Hugo Wolf Symbole für ein außergewöhnliches Musikerlebnis sind, seit Wochen auf dieses Konzert. Nicht einmal die Erwägung, ob sich wohl der große Raum der Stadthalle mit der Intimität der Wolf-Lieder vertragen würde, konnte die Vorfreude stören.

Und tatsächlich schuf Fischer-Dieskau sofort die konzentrierte Atmosphäre, die den äußeren Rahmen aufhebt und ersetzt durch innere Weite. Er schreitet diesen inneren Raum, den Hugo Wolf in der Ekstase des Schaffens aufgehellt hat wie kein anderer Liederkomponist vor oder nach ihm, bis an die Grenzen aus. Dem Sänger und gestaltenden Künstler entgeht keine der subtilen Feinheiten musikalischer Wortdeutung. Die gleiche intelligente Feinspürigkeit, mit der Wolf seine Lieder ganz auf Sinnverdeutlichung anlegt, beherrscht auch die Interpretationskunst Fischer-Dieskaus. Wie Wolf den Gefühlsumkreis jedes Wortes, den Sprachklang und den Sinnzusammenhang mitkomponiert, so schwingen auch in seiner Wiedergabe alle diese Komponenten mit. Es ist nicht allein oder gar in erster Linie die Stimme, die vollendete und differenzierte Tongestaltung, was jeden Hörer unwiderstehlich in Bann zieht. Es ist vielmehr der geistige Hintergrund, die vollkommene Durchgestaltung jeder noch so geringfügigen Einzelheit, was Fischer-Dieskau zum unvergleichlichen Wolf-Sänger macht. Und überdies ist er noch ein ausgezeichneter Schauspieler, bei dem die treffende Mimik und sparsame Gestik nur unterstreicht, was er durch die vielfältige Ausdrucksnuancierung seiner Stimme allein bereits eindeutig zu charakterisieren vermag. Mit völliger Natürlichkeit läßt er die ganze Fülle und Mannigfaltigkeit menschlicher Empfindungen anklingen, so daß hinter den Liedern die Wirklichkeit der Gestalten und des Geschehens sichtbar wird.

In Wolfs Mörike-Liedern spiegelt sich (wie auch in seinen anderen Liederzyklen) das Wesen des Dichters in seiner einmaligen Besonderheit. Die nachdenklich-grüblerische Innerlichkeit Mörikes kommt in der Gedichtauswahl, die Wolf getroffen hat, ebenso zum Ausdruck wie sein hintergründiger Humor, seine Naturverbundenheit ebenso wie seine wache Menschenbeobachtung. Die zwanzig Gedichte, die Fischer-Dieskau aus den 53 (1888 in wenigen Monaten entstandenen, aber heute noch immer viel zu wenig bekannten) Mörike-Liedern ausgewählt hatte, berühren alle diese Seiten und wurden damit jedem Geschmack gerecht. Mit einer Verinnerlichung und substanzerfüllten Zartheit ohnegleichen sang er die monologisch-besinnlichen Lieder, "In der Frühe" etwa, oder "Neue Liebe", oder "An den Schlaf". Zauberhaft und verzaubernd war die "Mitternacht", dies unwiederholbare Mörike-Gedicht "Gelassen stieg die Nacht ans Land", wunderbar "An die Geliebte" oder die Peregrina-Lieder. Die "szenischen" Gedichte gestaltete er mit einer realistischen, nie aber auch nur um eine Schattierung zu dick aufgetragenen Anschaulichkeit.

Hier wie bei den humoristischen Liedern ("Storchenbotschaft", "Bei einer Trauung", "Zur Warnung") hatte man den Eindruck, noch nie eine so vollkommene, überzeugend anschauliche Gestaltung gehört zu haben. Der "Abschied" gar wurde zu einer Bühnenszene, in deren Abgangswalzer der Publikumsbeifall, trotz der beschwörenden Gesten des Sängers, allzu vorzeitig hinein prasselte. Das Nachspiel ist bei Wolf ein ebenso wichtiger Bestandteil des Liedes wie die Singstimme und die ganze Klavierbegleitung. Wolf konnte bitterböse werden, wenn ihm ein Zuhörer das Nachspiel unterbrach. Fischer-Dieskau reagierte nur mit schmerzlich resignierender Nachsicht und bedankte sich selbst um so herzlicher bei seinem Begleiter Günther Weißenborn, der den Klavierpart der Lieder mit solch feiner Ausdrucksdifferenzierung und treffend charakterisierender Illustrationskunst gestaltete, daß der höchst kritische und empfindliche Komponist selbst sicher beglückt gewesen wäre. – Die Begeisterung des Publikums über die Begegnung mit dem großen Künstler war spürbar von echter Bewunderung getragen. Erst nachdem Fischer-Dieskau noch einige weitere Mörike-Lieder und ein Goethe-Lied zugegeben hatte und nach einer halben Stunde versicherte "Nicht länger kann ich singen" (aus dem 2. Teil des Italienischen Liederbuchs), war die Menge der Zuhörer zum Gehen zu bewegen.

Lini Hübsch

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