Zum Liederabend am 28. April 1960 in Freiburg

Badische Zeitung, Freiburg, 30. April 1960

Die Wiener Symphoniker in Freiburg

Einhellige Begeisterung für Dietrich Fischer-Dieskau

Unsere musikliebende Stadt Freiburg ist in den letzten Wochen und Monaten durch den Besuch auswärtiger Orchester wahrlich verwöhnt worden. Die Londoner Philharmoniker ließen sich hier hören, das Luzerner Streichorchester wie die Camerata Academica aus Salzburg wurden geschätzt und gefeiert. Nun kamen zum Aprilende auch die Wiener Symphoniker in unsere Stadt, ein altes, traditionsreiches Orchester, das uns die Wiener Schule in bester Besetzung, in der vollen Klangstärke von 110 Musikern in einem allerdings sehr konventionellen Programm vorführte, die "Erste" Beethoven, die "Zweite" Brahms, wer spielt sie nicht? – ein etwas weniger auf Routine gestelltes Programm – sei es nun eine selten zu hörende Mozart- oder Haydn-Symphonie, - wäre uns offengestanden lieber gewesen, aber derlei steckt wohl nicht in dem Reisegepäck, wenn man auf Tournee geht. Aber auch so genossen wir in vollen Zügen die Wiener Orchesterkultur, die die Symphoniker repräsentieren, die prachtvoll ausladenden, strahlend fülligen und pastosen Streichertutti, samt den virtuosen Holzbläsern und dem bestechend schönen Blech.

Ihr Anführer und Inspirator war Wolfgang Sawallisch, ein Dirigent stärkster Energieentfaltung und Energieausstrahlung, ein sehr junger Dirigent, der bereits internationalen Ruf genießt. Mag sein, aber an diesem Abend waren seine Leistungen durchweg enttäuschend. Eine "Erste" von Beethoven hat man noch selten so lieblos und routiniert herunterdirigiert gehört – die Ecksätze in Tempi, als wolle der Dirigent das Blaue-Beethoven-Band erringen, von der Atmosphäre des frühen Wurfs auch in den Innensätzen kaum eine Spur. Die gleiche Manier, ein Werk fast nur auf äußerliche Brillanz anzulegen, zeigt sich auch im Vortrag und in der Interpretation der 2. Symphonie von Brahms. Das nicht genug zu rühmende Orchester tat, was es konnte, aber wenn im Finalsatz ein Dirigent über alle Details hinweg den Musikern derart turbulent und massiv einheizt, was sollen sie tun?

Wenn Dietrich Fischer-Dieskau das Podium betritt und zu singen anhebt, ist sofort jene Atmosphäre da, die uns in andere, bessere Welten entführt; hier offenbart sich die Kraft der Einfühlung und der Gestaltwerdung subtilster Dinge, die in der Geschichte des Gesangs fast ohne Vorbild ist. Hugo-Wolfs Harfner-Lieder nach Goethes "Wilhelm Meister" erschienen so kongenial nachgestaltet, ausgedeutet, daß kein Wunsch offen blieb, daß Goethes Dichtungen im Kleid der Melodie reines Erlebnis wurden. Wozu allerdings gesagt werden muß, daß die Klavierbegleitung der Orchesterfassung denn noch weit vorzuziehen ist; mit dem vollen Orchester läßt sich eine Spur von Opernhaftem kaum vermeiden.

Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" sind ein ganz frühes Werk des Komponisten, das er mit dreiundzwanzig Jahren noch vor den großen Symphonien schuf. Die ganze Problematik Mahlers als Komponist wird hier schon offenbar. Das erste Lied stammt aus der Volksliedersammlung "Des Knaben Wunderhorn". Mahler hat allerdings etliches hinzugefügt und verändert; die anderen Lieder sind Mahlers eigene Dichtungen, "im Stil" des Wunderhorns – "im Stil" ist bezeichnend für Mahlers ganzes kompositorisches Schaffen, das von epigonenhaften Zügen nie ganz frei wurde. Diese frühen Lieder wollen den "Volkston" treffen: hier spricht reichlich sentimental und weltschmerzlich der "böhmische Musikant", der wie etwa im dritten Lied gelegentlich auch recht pathetisch werden kann, was dem hier beabsichtigten Stil eigentlich widerspricht. Am besten gelingt der reine Naturlaut, wie er sich im zweiten Liede ausspricht, dessen Melodie dann in Mahlers erster Symphonie wiederkehrt.

Dietrich Fischer-Dieskau schenkt auch diesen Liedern den ganzen Zauber seiner Interpretationskunst in einer sängerischen Darstellung von ungekünstelter Frische, die das mitunter Peinliche dieser Lieder erträglicher machte.

Einen Sänger von den hohen Graden Fischer-Dieskaus zu begleiten, ob am Flügel oder mit dem Orchester, glückt nur dann, wenn eine einfühlend-subtile Zusammenarbeit sich vollzieht; bei Wolfgang Sawallisch war davon wenig zu spüren, hier wurde nicht selten ein massives Aneinandervorbeimusizieren demonstriert.

Dietrich Fischer-Dieskau wurde für seine großartigen Leistungen lebhaft und begeistert gefeiert, und auch die Wiener Philharmoniker haben den traditionellen "Freiburger Maiglöckchenregen", der sie sichtlich freudig überraschte, reichlich verdient.

Hanns Reich

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