Zum Liederabend am 23. April 1960 in Berlin

Berliner Tagesspiegel, 26. April 1960     

Große Kunst des Liedgesangs

Dietrich Fischer-Dieskau

Daß Liedgesang eigentlich gesteigerter, Sinn- und Klang des Wortes erschöpfender Vortrag von Dichterlyrik ist, wird auf der untersten wie auf der höchsten Stufe der Entwicklung offenbar. Wie der mythische Skalde der Vorzeit seine Dichtung dadurch eindringlicher machte, daß er sie mit erhobener Stimme singend vortrug, so kann andererseits der vollkommene, das Klangelement vergeistigende Sänger seine Hörer alle Künstlichkeit der musikalischen Komposition und der gesanglichen Technik vergessen lassen und sie an den Kern des Wort-Ton-Gebildes führen; das ursprüngliche Erlebnis klingender, lebendig mitgeteilter Lyrik ist wieder verwirklicht.

Es ist kein Zufall, daß diese Bemerkung nach einem Hugo-Wolf-Abend gemacht wird. Hugo Wolf hat mit Wagner das gemeinsam, daß seine Musik ganz und gar Deutung der Dichtung, Versinnlichung ihres Phantasiegehalts, dienende Auslegung des Wortes ist. So hochgetrieben das musikalische Raffinement dieses Komponisten ist, so farbenschillernd seine Harmonik, so reizempfindlich und ausdrucksvoll seine Melodie: seine Musik ist nicht um ihrer selbst willen da, sie ist vom Wort inspiriert, sie umgibt es wie ein oszillierendes Medium, in dem Gefühl und Gedanke magische Gestalt werden. Und es ist ebensowenig Zufall, daß der Liedersänger Dietrich Fischer-Dieskau dem Hörer diese Erkenntnisse suggeriert: er ist heute so seiner stimmlichen Mittel mächtig, so sehr Meister der feinen Schattierungen und der differenzierten Ausdrucksgrade, dazu mit so unfehlbarem Verstehen dem kleinen Kunstwerk "Lied" zugetan; daß sein Singen und Musizieren dem Hörer nicht mehr als technische Leistung, sondern nur als Ausdruck, als selbstverständliche poetische Sprache zu Bewußtsein kommt.

Ausschließlich Goethe-Lieder enthielt das Programm, das Dietrich Fischer-Dieskau im großen, akustisch außerordentlich günstigen Saal des Funkhauses an der Masurenallee sang, und das Übermaß dieser Dichtungswelt trat dem Hörer fast beängstigend nahe. Die Schwermut der Harfnergesänge, die zarte Entrückung des "Ganymed", der marktschreierische Balladenton des "Rattenfängers", der Titanenstolz des Prometheus, der, über die im Dekorativen und Gestischen verharrende Komposition hinaus gesteigert, Ausbruch elementarer Stimm- und Gefühlskraft war: in allem spürte man die Kongruenz von Dichtung, Musik und Interpretation, die nachlebende und nachbildende Leidenschaft eines Sängers, der mit prometheischer Lust aus dem Material seiner Stimme Gestalten, Wesen formt. Daß eine lnterpretation dieser Art nur mit einem hervorragenden Klavierspieler möglich ist, ist selbstverständlich. Gerald Moore verband die Rolle des anpassungsfähigen Begleiters mit der des selbständig, intensiv und phantasievoll musizierenden Partners.

Werner Oehlmann

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