Zum Konzert am 23. Februar 1960 in Berlin

  Berliner Tagesspiegel, 25. Februar 1960

Galante Kammerkunst des Barock

Händel-Abend mit Dietrich Fischer-Dieskau

Von den Händel-Feiern des Gedenkjahres war diese, schon früher geplante, aus Krankheitsgründen in den Nachtrab der Veranstaltungen verschobene eine der kostbarsten: Ein Ensemble hervorragender Musiker, gleichwertige Partner des Sängers Dietrich Fischer-Dieskau, konzertierte im Hochschulsaal mit Sonaten und Kantaten; das Bild des galanten, gesellschaftlichen Händel, der für die Assembleen des hannoverschen und englischen Hofes und für die Salons seiner adligen Gönner komponierte, trat ergänzend neben den ernsten

Meister der Oper und des Oratoriums. Daß dieses Bild nicht historisch verblaßt, nicht akademisch-konventionell, sondern ursprünglich lebendig und von funkelnder Leuchtkraft der Farben war, das war das Verdienst des so impulsiv wie stilkundig musizierenden Flötisten Aurele Nicolet, des kultivierten, der Kantilene wie des artikulierten Stakkatospiels mächtigen Oboers Lothar Koch, der überlegen führenden Cembalistin Edith Picht-Axenfeld, der diskret mitgehenden Continuo-Violoncellistin Irmgard Poppen; das Duettieren der Bläser in den Trio-Sonaten d-moll und E-dur war ein feinfühliges, virtuoses Spiel mit scharfgeschliffenen Themengestalten und einander überschneidenden Melodielinien, Solosonaten für Flöte und Oboe gaben den Spielern Gelegenheit, die persönliche Behandlung des Instruments in ariosen Partien zu zeigen.

Dietrich Fischer-Dieskau fügte zwei italienische Kammerkantaten in das Programm ein, "Della guerra amorosa", eine spöttische Warnung vor Liebesleid, und "Cuopre tal volta il cielo", eine leidenschftliche, an symbolischen Tonmalereien reiche Bitte um Liebeserhörung. Mit vollkommener, fast spielerischer Beherrschung der stimmlichen Mittel, mit schillernder Ausdrucksfärbung, mit den Registern zarter Lyrik und dunkler Fülle überlegen schaltend, trotz aller extremen Wirkungen niemals den stilistischen Rahmen sprengend, stellte er zwei Kabinettstücke barocker Affektdarstellung einander gegenüber. Der stürmische Beifall entsprach dem Rang der Leistung.

Oe

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