Zum Konzert am 14. Oktober 1959 in Berlin

Berliner Tagesspiegel, 16. Oktober 1959

Mahlers Kindertotenlieder

Philharmoniker-Konzert mit Fricsay und Fischer-Dieskau

Seit längerer Zeit ist Ferenc Fricsay nicht am Pult des Philharmonischen Orchesters erschienen; sein Konzert im Hochschulsaal zeigte, daß er, zurückhaltender als früher, mit andeutender, fein und leicht vorzeichnender Geste dirigierend, nun auch den künstlerischen Kontakt mit diesem Orchester fest geschlossen hat. In der A-dur-Symphonie des achtzehnjährigen Mozart fesselte der ruhige, niemals ins Spielerische abgleitende Ernst der Auffassung, der der inneren Bedeutung dieses kompositorischen Meisterstückchens gerecht wurde. Wie gleich in den ersten Takten das Legato der Mittelstimmen zu singen beginnt, wie Thema und Imitation sich drohend gegeneinanderdrängen, wie die schattigen Episoden der Durchführung sich abzeichnen, wie dann die gedämpfte Streicherkantilene des Andantesatzes sich entfaltet und das kapriziöse Spiel des Finales mit funkelnder Brillanz abläuft, das erwächst aus einer überlegenen und doch demütigen Einstellung des Interpreten, der mit allem Raffinement nicht sich, sondern das Werk zur Geltung bringt.

Von diesem ernst und eindringlich gedeuteten Mozart ist kein weiter Schritt zu Mahler, dessen "Kindertotenlieder", von Dietrich Fischer-Dieskau gesungen, folgten. Fricsays Begleitung traf den Ton äußerster Diskretion, die dem Liedzyklus eigentümlich ist, das matte Leuchten der Farben, die Ausdruckskraft des Leisen konnten nicht bezaubernder, nicht ergreifender zur Wirkung kommen.

Danach war ein Kontrast nötig. Ferenc Fricsay gab ihn mit Zoltan Kodalys "Hary Janos"-Suite, der kurzweiligen musikalischen Chronik des ungarischen Münchhausen mit Glockenspiel, groteskem Schlachtgemälde, Volkslied und forschem Marschfinale; ein frisches, reizvolles Stück Musik, dankbar für den Dirigenten und für die Philharmoniker, die von der Pikkoloflöte bis zur Kontrabaßtuba, von der schwermütig singenden Bratsche bis zum hämmernden Zimbal mit Solostellen zu Worte kamen.

Oe

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