Zur Oper am 12. August 1959 in München

FAZ, Datum unbekannt

Münchener Opernfestspiele

"Cosí fan tutte" und "Tannhäuser"

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Zwei Tage danach stellte die zweite Neuinszenierung "Tannhäuser" das Niveau her. Allerdings gingen die entscheidenden Impulse von einem Gast aus: dem Dirigenten Georg Solti. Daß dieser Künstler von Jahr zu Jahr wächst, in einer anhaltenden Entwicklungsfähigkeit liegt Soltis heute noch unabmeßbare Begabung. Präzis war er stets – so genau und klangschön wie unter seinen Händen hat man das Orchester der Bayerischen Staatsoper lange nicht gehört -, aber dazu hat sich seine Klangvorstellung so ungemein differenziert, daß er heute in einer ganz unverkennbaren Weise ein Orchester zu disponieren versteht; dazu werden die Proportionen seiner Tempi immer musikalischer und geistvoller, zur Agilität des besessenen Dramatikers tritt die kontemplative Ruhe des Lyrikers.

Solch breite, doch erfüllte Zeitmaße, in denen er die Partie des Wolfram von Eschenbach anlegt, kann er sich freilich nur leisten, wenn er einen Sänger vom Format Dietrich Fischer-Dieskaus hat, womit der zweite Höhepunkt der Aufführung genannt ist. An den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten dieses Sängers, an der Virtuosität und absoluten Beherrschung, mit der er seiner Stimme solche Nuancen abgewinnt, kann man Festspielmaßstäbe aufstellen. Claire Watson, hier als Elisabeth im richtigen Fach, hat im zweiten Akt, im Glück der Hallenarie (mit makellosem hohem H) mehr Ausstrahlung als in dem noch nicht genügend innigen Gebet – sie mußte es übrigens in dieser Regie in das Publikum hineinsingen, wie vordem ihr Duett mit Tannhäuser an der Rampe, als gäbe man einen frühen Verdi. Hans Hopf in der Titelpartie könnte von seinen tenoralen Mitteln auch ohne solch unleidliches Forcieren überzeugen; erst im dritten Akt wurde er differenzierter. Walter Kreppel hat für den Landgrafen das voluminöse und seriöse Material, aber noch nicht genug Profil in der Darstellung dieser doch zeitweise dominierenden Rolle; merkwürdig matt in der Stimme wirkte Marianne Schech als Venus. (Ihr Kostüm schien einem Revuefundus entliehen und das sie umgebende Bacchanal war jedenfalls unter dem Aspekt des Erotischen recht dürftig.)

"Tannhäuser"-Inszenierungen stehen heute unter dem Alpdruck Neu-Bayreuths. Als Wieland Wagner dort die unausgegorene Ideologie des jungen Wagner in Symbole auflöste, tat er wohl das heute einzig Mögliche; die Bilderbogenromantik ist dahin. Auch Regisseur Heinz Arnold ließ im altgolden ausgeschlagenen Bühnenraum spielen, aber er stilisierte nicht konsequent weiter. Das Naturalistische spukt im bildnerischen Detail Helmut Jürgens’, als solle ein neuer Jugendstil kreiert werden, und auch in der Spielführung Arnolds, so vortrefflich einzelne Auftritte der Solisten und die Chorszenen durchgebildet sind. Man muß sich eben für Fisch oder Fleisch entscheiden.

Eine festliche Premiere, rauschender Beifall.

Ernst Thomas

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